Drahtfiguren haben warme Augen

Musik zu Worten.

Ein Pillow Talk von Paula.

Eine Begegnung also. Ein Text, über jemanden, der mich inspiriert. Ein Interview? Zugegebenermaßen scrolle ich zuerst durch mein Insta-Feed und frage mich, wessen Posts mich regelmäßig zum Nachdenken bringen. Schon nach wenigen Minuten finde ich es ziemlich traurig, mich zuerst auf Social Media umzuschauen, bevor mir jemand aus meinem Umfeld einfällt. Vielleicht doch besser jemand aus meiner Familie? Meinem Freundeskreis? Während ich überlege, welche großen besonderen Aufeinandertreffen es in meinem Leben bisher gab, drehe ich eine Runde um den Block, in der Hoffnung mich an einen solchen Moment zu erinnern. Die meisten Menschen, denen ich begegne, schauen mich nicht einmal an. Ab und zu hebt doch jemand den gestressten Blick und ich blicke in leere, kühle Augen.

Plötzlich taucht ein anderes Paar Augen in meiner Erinnerung auf. Warme Augen.

Sommer, lauwarmer Wind, ein nächtlicher Spaziergang durch Lissabon. Jorge war sein Name. Er stand dort am Straßenrand zwischen den anderen Straßenverkäufern. Vor ihm eine ausgebreitete Decke auf der lauter Gebilde aus Draht aufgestellt waren. Große gefährlich aussehende Figuren, die mir bis zum Knie reichten und ganz kleine zarte Drahttierchen. Daneben ein altes Fahrrad, bepackt mit abgenutzten Satteltaschen, einem vergilbten Zelt und einer großen Trinkflasche. Die Geschichte, die, ohne nachzufragen, in meinem Kopf entstand, war eindrücklich genug. Doch ich würde mich heute wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, hätte ich den Blick in seinen Augen nicht gesehen. Jorge war vielleicht Anfang vierzig und seine Haut war von Sonne, Wind und Wetter gezeichnet. Für sein Alter hatte er erstaunlich junge Gesichtszüge, die ihn trotz des Drecks vom Leben auf der Straße unberührt aussehen lassen ließen. Ich wartete die ganze Zeit auf ein „Nur heute alles zum halben Preis.“ Doch die obligatorischen Verkaufsfloskeln blieben aus. Weil ich spürte, wie sein Blick auf mir ruhte und mir die Stille am Rande der lauten Straße irgendwann unangenehm wurde, sagte ich leise: „Das sind echt schöne Figuren.“ 

„Danke.“

 … Schweigen.

 „Machst du die selbst?“

„Ja alle.“

„Wie lange brauchst du für eine?“

„Das kommt ganz drauf an. Je nachdem, wie groß sie sind und wie detailliert. Und ob ich die ganze Zeit an einem Ort bin oder zwischendurch weiterfahre.“

Ich hatte mit einem saloppen Straßen-Englisch gerechnet, doch Jorge drückte sich ungewöhnlich bedacht aus. 

„Ist das dein Fahrrad?“

„Ja“.  Nach einer weiteren kurzen Pause fügte er hinzu: „Damit fahre ich von Ort zu Ort. Ich komme aus Argentinien. Dort bin ich vor sieben Jahren losgefahren.“

„Du bist mit dem Fahrrad von Argentinien bis Portugal gefahren?!“

„Ja schon mehrmals.“

Er las die vielen Fragen in meinem ungläubigen Blick.

„Mein größter Traum war es schon immer die Welt zu bereisen und zu entdecken. Ich komme aus einem kleinen Dorf, meine Familie hatte nie viel Geld. Früher musste ich Jobs machen, die mir absolut keinen Spaß bereitet haben. Nach ein paar Jahren habe ich mir von dem wenigen Ersparten, dieses Fahrrad gekauft und bin losgeradelt Richtung Brasilien. Dort habe ich von dem gelebt, was ich mit den Drahtfiguren verdient habe. Die Kunst habe ich schon immer geliebt. Ich war nie zuvor so glücklich, wie auf dieser Reise. Als meine Großmutter krank wurde, bin ich zurück nach Argentinien gefahren. Doch nur eine Woche nach ihrer Beerdigung saß ich wieder im Sattel und radelte davon. Seitdem war ich auf fünf Kontinenten, in 42 Ländern. Manchmal ist es nicht ganz leicht, mit den Figuren genug zum Überleben zu verdienen, aber dieses Leben ist genau das, was ich mir wünsche.“

Die ganze Zeit über hatte Jorge mich mit seinen großen goldbraunen Augen angeschaut. In seinem Blick lagen so viel ehrliches Glück und tiefe Zufriedenheit, dass ich Gänsehaut bekam. Und noch etwas lag darin: Im Gegensatz zu den Augen vieler Menschen, die hungrig und unruhig auf der Suche nach immer mehr sind, strahlte sein Blick eine beeindruckende Ruhe aus. Eine Ruhe, die nur ein Mensch versprühen kann, der ein erfülltes Leben führt. „Danke Jorge“, sagte ich und ging mit einem verzauberten Lächeln weiter.  

Hamburg. Bei der Erinnerung an diese Begegnung wird mir trotz des kalten Aprilabends warm. Es ist das Klischee schlechthin: Die ärmsten Menschen seien die glücklichsten. Aber das stimmt meiner Meinung nach nicht. Jorge ist nicht arm. In seiner Wahrnehmung ist er reicher als die meisten Menschen. Reich, weil er fahren kann, wohin er will. Reich, weil er tun kann, was er liebt. Reich, weil für ihn Freiheit das größte Reichtum ist.  

Während ich weitergehe, frage ich mich, welche Geschichte mein Blick den Menschen erzählt, denen ich auf meinem Spaziergang begegne. Ob mein Leben mir erlaubt, hinzugehen, wo ich hin möchte. Zu tun, was ich liebe. Zuhause schaue ich in den Spiegel und suche die Antwort in meinen Augen.

Musik: Melancholia (Goth/Emo Type Beat) by | e s c p | & YellowTree | https://escp-music.bandcamp.com_Music promoted by https://www.free-stock-music.com_Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)_https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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