Mojito-Feminismus

Musik zum Lesen.

Ein Pillow Talk von Paula.

Noch zwei Möchtegern-Influencerinnen, die sich Feminismus in ihre Insta-Bio schreiben.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich würde von mir behaupten, dass ich mich mittlerweile ziemlich ausführlich mit Rollenerwartungen & Co. auseinandergesetzt habe und mich entsprechend verhalte – auch beim Thema Sex:  Ich weiß, dass ich nicht weniger attraktiv bin, wenn ich mal keine Lust auf einen Blowjob habe. Ich rasiere mich nicht mehr, um meinem Freund zu gefallen, sondern für mich – oder lasse es bleiben. Meine Mission im Bett ist, Spaß zu haben – nicht einen Porno nachzuspielen, indem sich alles um das beste Stück des Mannes dreht. 

Das sind nur einige Beispiele, wie meine Vorstellungen von Sexualität sich in den letzten Jahren geändert haben. Es hat diverse feministische Bücher und Insta-Accounts gebraucht, bis ich realisiert habe, was für ein absurdes Rollentheater Sex oft ist und dass auch ich meine (sexuellen) Bedürfnisse entsprechenden Erwartungen untergeordnet habe. Und das allein, um die Anforderungen an die Rolle „Attraktive, aber nicht notgeile Frau“ im Theaterstück „Sex im Patriarchat“ zu erfüllen.

Doch wenn ich ehrlich bin, ist es für mich immer noch normaler, wenn ich nicht zum Orgasmus komme, als wenn „ich ihn nicht zum Ende bringe“.  Sage ich manchmal nicht direkt, wenn eine Stellung unangenehm für mich ist. Spiele ich gerne mit meinen sexuellen Reizen, aber achte immer auch darauf, nicht schlampig zu wirken. Alles Gründe, warum wir uns auch 2021 noch Feminismus in die Bio schreiben!

Vor fünf Jahren war ich mit einem Freund aus Schulzeiten auf Kuba im Urlaub. Simon hat sich schon als Feminist bezeichnet, als das für Männer noch unsexy war und las am Strand „Untenrum Frei“ von Margarete Stokowski. Weil ich unbeschwert Mojitos schlürfen wollte, statt an den schönsten Stränden liegend, über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten nachzudenken, fing ich genervt eine Diskussion über die Notwendigkeit von Feminismus an:  Ehrlicherweise vertrat ich damals die Position, dass der Feminismus in Deutschland doch längst alles erreicht hätte und ich als Mensch mit Vagina die gleichen Chancen wie Menschen mit Penis hätte. Zu meiner Verteidigung: Das war bevor ich wusste, dass ein Penis nicht gleichbedeutend mit einer männlichen Identität ist – aka Feminismus war Neuland für mich. Trotzdem schäme ich mich für meine beschränkten Sichtweisen von damals: Als weiße Tochter gut verdienender Eltern, war ich der Überzeugung, dass die jungen kubanischen Frauen, die mit 20 bereits zwei Kinder hatten, durch Rollenerwartungen eingeschränkt seien. Aber nicht ich. 

Ich bin allerdings nicht nur mit dem Wissen aufgewachsen, dass mir alle Wege offen stehen würden, sondern auch mit Zeitschriften, die mir erklärt haben, wie ich mich schminken sollte, um meinen Traumboy zu beeindrucken. Später waren es dann „Die fünf besten Sex-Stellungen, die ihn definitiv um den Verstand bringen“. Das erste Mädchen-Magazin, das ich gelesen habe, war die Wendy. Eine pinke Pferdezeitschrift. Als mich Frauen-Magazine mit Beauty- und Flirt-Tipps endgültig nicht mehr interessiert haben, war ich 18 Jahre alt. 12 Jahre lang haben mir Wendy, Brigitte und wie sie alle heißen, eingetrichtert, wie ich mich verhalten soll, um von Männern als möglichst attraktiv und begehrenswert wahrgenommen zu werden. Fernsehsendungen, Bücher und Pop-Songs haben da einen ähnlich guten Job gemacht, allerdings etwas subtiler. 

Psycholog*innen unterscheiden zwischen impliziten und expliziten Einstellungen: Die expliziten sind uns bewusst und vor allem bei kontrolliertem Handeln entscheidend. Implizite Einstellungen beruhen mitunter auf Wissen, das wir unbewusst gelernt haben und beeinflussen schnelles, automatisches Bewerten sowie spontanes Handeln. Da wir beim Sex eher Impulsen als kontrollierten Gedanken nachgehen, liegt hier die Erklärung, warum ich theoretisch zwar weiß, wie gleichberechtigter freier Sex funktioniert. Aber praktisch doch nicht immer klipp und klar sagen kann, was ich eigentlich will.

Weil unsere Generation von Eltern und Medien noch gepredigt bekommen hat, wie man sich als echtes Mädchen oder richtiger Mann zu verhalten hat, braucht es neue Kanäle, die uns einimpfen, was Rollendenken für ein Bullshit ist. Am besten direkt mit der Corona-Impfung … schlechter Witz am Rande. 

Ehrlicherweise kann ich manchmal nachvollziehen, warum einige meiner männlichen Freunde leicht genervt die Augen verdrehen, wenn schon wieder eine neue Feminismus-Debatte aufploppt. Aber Feminismus muss nerven. So wie Simon damals auf Kuba, meinen entspannten Strandtag ruiniert hat. Damit auch in unserer letzten Gehirnwindung ankommt, dass das Theaterstück mehr als zwei Rollen hat und irgendwann „Sexuelle Freiheit – ganz ohne Rollenzwänge“ heißt. Und außerhalb der Bubble von Menschen, die Ungleichheiten in der Gesellschaft erkennen, kann Feminismus ohnehin nicht unbequem genug sein.  

Bevor hier jemand schreit, dass wir Frauen uns immer in die Opferrolle begeben müssten: Für mich ist Feminismus der Kampf dafür, dass jeder Mensch sich unabhängig von seinem Geschlecht frei entfalten kann. Auch dafür, dass mir kein Mann mehr erzählen muss, „Das ist mir noch nie passiert“, wenn er mal keinen hochkriegt. Denn eigentlich möchte doch niemand beim Sex schauspielern (tatsächliche Rollenspiele mal ausgenommen).

Man kann uns sicherlich den Vorwurf machen, unsere augenzwinkernden, provokativen Texte, die hier folgen werden, wären Pop-Feminismus, der Probleme nicht bis ins letzte Detail analysiert, sondern nur an der Oberfläche kratzt. Doch unser Ziel sind keine wissenschaftlichen Gesellschaftsanalysen, sondern Feminismus für alle. Ich mag keine Pop-Musik, aber nennt es meinetwegen Reggae-Feminismus: Denn Feminismus ist Mojito-kompatibel! Von wegen verbitterte Feministinnen.

Anmerkung: Weil diese Rubrik Bettgeschichten heißt, bezieht sich dieser Text vor allem auf sexuelle Zwänge. Die Notwendigkeit von Feminismus lässt sich selbstverständlich auf alle Bereiche übertragen, in denen Menschen sich aufgrund ihres Geschlechts nicht frei entfalten können.

Musik: Above The Clouds by | e s c p | https://escp-music.bandcamp.com_Music promoted by https://www.free-stock-music.com
Creative Commons Attribution 3.0 Unported License_https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en_US

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Wir sind gespannt!

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