Facette: 1 von 100

Ein Pillow Talk von: Alex

Letztens habe ich vor einem etwa 60-jährigen fremden Mann angefangen zu heulen. Damit meine ich nicht, dass mir eine Träne die Wange runterlief, sondern dass ich richtig geheult habe. Er hatte mitbekommen, wie ich meinen entlaufenen Hund auf befahrener Straße wieder eingefangen hatte. Unversehrt. Nach dem ersten Schock hat er dann gefragt, ob alles okay sei. War lieb gemeint, aber ich habe kein Wort rausgekriegt. Stattdessen geheult, auf dem Boden meinen Hund umklammert und nach einer Ewigkeit in seine Richtung gewunken, um unbeholfen einen Dank zu signalisieren. Und irgendwie auch, dass er doch bitte einfach weitergehen kann. Im Nachhinein denke ich, das muss eine fast schon witzige Szene gewesen sein. 

Erste Eindrücke sind unglaublich bedeutsam. 

Wir malen uns alles Mögliche aus, wenn wir einer Person zum ersten Mal begegnen. Erträumen uns, wie sie so tickt, wie viel Geld sie hat, wie ihr soziales Umfeld ist, was sie beruflich macht. Wir meinen auf den ersten Blick Malle-Touris von Bali-Yogis unterscheiden zu können, machen auf dem Campus an den Steppjacken die Jura-Studierenden fest und schließen von der stetigen Unzufriedenheit des Kiosk-Besitzers auf sein unerfülltes Leben. Wir sind oberflächlich ohne Ende. Auch wenn wir angestrengt versuchen, es nicht zu sein. 

Bei Vorstellungsgesprächen, Dates und den Schwiegereltern halten wir uns selbst den Spiegel vor und versuchen, den bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Klappt nicht immer, hab‘ ich auch schon gelernt. Ist dann im ersten Augenblick etwas frustrierend. Aber mit ein bisschen Abstand merken wir vielleicht, dass wir von ersten Eindrücken einfach zu viel verlangen.

Eine Begegnung ist immer nur eine Momentaufnahme. Wie sollen all unsere Qualitäten in so begrenzter Zeit zum Vorschein kommen? Beim Treffen mit dem Mann letztens hat’s bei mir auf jeden Fall nicht so gut geklappt, könnte man sagen. Da war ich auf den ersten Blick wohl überemotional – eine Eigenschaft, die mir meine engsten Freund*innen wahrscheinlich nicht direkt zuschreiben würden. Und ich kann auch nicht die Einzige sein, die schon einmal zu hören bekommen hat: „Ich dachte, du wärst ganz anders, mehr arrogant.“ 

Wenn ich ehrlich bin, habe ich ewig überlegt, was mein erster Beitrag auf diesem Blog werden könnte, um “den richtigen” ersten Eindruck zu hinterlassen. Aber ebenso wie man bei einem ersten Treffen niemals ein vollständiges Bild des Gegenübers bekommt, wird dieser Text nicht ausreichen, um alle Facetten zu zeigen. 

Erste Eindrücke sind unglaublich unbedeutsam.

Musik: Slowly by Tokyo Music Walker | https://soundcloud.com/user-356546060. Music promoted by https://www.free-stock-music.com. Creative Commons Attribution 3.0 Unported License. https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en_US

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