Schmale Auswahl

Ein Pillow Talk von Alex

Der mit Abstand anspruchsloseste Job, in dem ich je gearbeitet habe, war als Passform-Model. Knappe 3 Wochen lang wurden an meinem Körper Schnitte einzelner Kleidungsstücke der Größe 36 angepasst, während ich dafür bezahlt wurde, dazustehen und meine Arme von mir zu strecken. Nach einiger Zeit wunderte ich mich, wann denn die Passform-Models für alle anderen Größen kommen würden. Sie kamen nicht. Es gab sie gar nicht. „36 ist die Norm und alles darüber machen wir eben größer. Da wird nix angepasst“, sagte eine Kollegin.

36 ist die Norm. Dieser eine Körpertyp dient als Vorlage für die Modewelt. Und auch in anderen Bereichen ist er ständig repräsentiert. In Werbung, Medien und Online-Shops war das Bild schlanker Personen, insbesondere Frauen, jahrelang Standard. Erst seit kurzem gestalten sich die Abbildungen diverser und zeigen unterschiedliche Körperformen. Lange Zeit war mir nicht bewusst, wie viel diese Veränderung bedeutet. Eigene Privilegien werden eben dann erst wirklich sichtbar, wenn sie auf einmal fehlen.

Für mich kam der Moment beim Bestellen von Periodenunterwäsche. Auf den Bildern des Produkts, für das ich mich interessierte, waren nur Models, die Größe 40 und 42 trugen und dementsprechend weitere Hüften hatten als ich. „Okay cool, aber wie sieht das denn jetzt an meinem Körper aus?“, dachte ich kurz. Zum ersten Mal in meinem Leben. Mit 23 Jahren!!!

Wie viele Menschen stellen sich bei fast jedem Einkauf diese Frage? Wie viele bekommen immer wieder ein Bild vorgesetzt, in dem sie sich nicht widerspiegeln können? Und wie viele suchen die Schuld bei sich selbst?

Die Kettenreaktion, die die Über-Repräsentation schlanker Menschen nach sich ziehen kann, scheint mir unendlich. Es geht los beim ständigen Vergleichen, falschen Vorstellungen und problematischen Schönheitsidealen. Weiter mit Body Shaming, ungesunden Mentalitäten bis hin zu Essstörungen. Selbst, wenn der Drang, genauso auszusehen wie oft abgebildete Körper, bei einigen nicht so stark ist, so wird doch ständig suggeriert, dass die breite Masse so aussehe. Doch das tut sie nicht!

Heute schäme ich mich ein bisschen dafür, aber in der Schulzeit war meine liebste Kleidungsmarke Brandy Melville. Größe: One Size. Noch immer steht diese Bezeichnung nicht für „Eine für alle“, sondern eher für „Eine für eine (wortwörtlich) schmale Auswahl“. Ein Schulfreund hat damals im Store ein Shirt hochgehalten und ungläubig gefragt: „Wer soll da reinpassen?“ Ich. Ich passe da rein. Größe 36.

Dass ich mich in meinem Leben kaum bzw. gar nicht, mit solchen Problemen beschäftigt habe, liegt vor allem daran, dass ich zufällig genau in die Norm falle. Natürlich gibt es Menschen, die Größe 36 tragen und mit all dem kämpfen müssen, ebenso wie es solche gibt, die sich mit ihrer Größe 42 komplett wohl fühlen. Ich kann und will nicht aus der Perspektive einer anderen Person mit einem anderen Körper schreiben. Doch wenn sich so viele bei jedem Kleidungskauf das Stück an ihrem Körper vorstellen müssen, dann kann ich das zukünftig auch tun – nicht nur einmalig bei der Periodenunterwäsche. Wir alle würden von vielfältigeren Body Images profitieren. Wir müssen uns von verfestigten Vorstellungen lösen und stattdessen normalisieren, dass wir eben nicht alle gleich aussehen. Jede*r einzelne von uns ist der beste Beweis dafür.  

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