Alle werden Bock haben

Ein Pillow Talk von Alex

Bin nur kurz was zu trinken holen“, schreie ich meiner Freundin ins Ohr. Sie schaut mich fragend an und ich deute auf die Bar. Als Antwort bekomme ich ein kurzes Nicken, dann schließt sie wieder ihre Augen und findet im Nu zurück in den Takt. Ausnahmsweise ist die Musik heute mal wirklich gut hier.

Durch die Menge zu kommen, ist ja immer so eine Sache. Meine Schuhe kleben am Boden wie die T-Shirts an den Rücken der Menschen auf der Tanzfläche. Alle scheinen auf einmal größer und breiter zu sein als ich. Statt durchdrängeln lautet meine Taktik ducken und in Lücken schlüpfen. Irgendwann treibt mich der Strom endlich zu meinem Ziel, sodass ich mir den Einsatz des Ellenbogens größtenteils sparen kann.

An der Bar besteht die große Kunst darin, den Spot abzuschätzen, den die Barkeeper*innen immer im Blick haben. Ansonsten wartet man als Person mit geringem Durchsetzungsvermögen gerne mal stundenlang. Ich beherrsche die große Kunst kein bisschen und stehe deshalb gerne länger am Tresen als die Frauen in der Schlange vor dem Klo.

Dafür bin ich mittlerweile besonders geschickt darin, Gespräche mit Menschen zu beenden, die mich anlabern. Laut meiner persönlichen Statistik zählen dazu leider vor allem Männer, für die ich mich auch nüchtern nicht interessieren würde. Ein wohl verirrter Familienvater lächelt mich von der anderen Seite des Tresens so schmierig an, dass ich mich fremdschämen muss. Neben mir will mich eine Gruppe von ´nem Junggesellenabschied zu einer Runde Shots überreden. Der Bräutigam trägt ein Knasti-Kostüm – symbolisch für seinen Schritt in die Ehe. Wirklich raffiniert.

Meine Bestellung schreie ich so laut ich kann. Während ich auf dem wackligen Barhocker warte und in die verschwitzte Menge blicke, denke ich: Schön ist was anderes. Ich weiß jetzt schon, dass ich halb taub aus diesem Schuppen kommen und nach kaltem Rauch stinken werde. In der U-Bahn werde ich mich unwohl fühlen, nicht nur weil sich hundertpro jemand übergibt. Und den morgigen Tag kann ich direkt aus dem Kalender streichen. Hoffentlich habe ich noch eine Tiefkühlpizza im Eisfach.

Wenn ich ans Feiern vor der Pandemie denke, erinnert mich alles an einen schlechten Film. Die vielen Menschen, die alle aus einem Glas trinken und sich auf engstem Raum ständig ungewollt berühren, erscheinen mir fast schon eklig. Ich kann nicht behaupten, dass mir das alles sooo doll gefehlt hat im letzten Jahr, vor allem weil ich auch sonst nicht so oft feiern war. Aber trotzdem: Ich freue mich UNNORMAL auf die erste Party, wenn die Bars und Clubs öffnen.

Ich will tanzen und bei Songs mitrappen, zu denen ich den Text nicht mal kenne. Ich will mit wildfremden Mädels Spiegel-Selfies machen. Ich will im Nachhinein über den verrückten Typen lachen, den wir an jeder Ecke auf dem Kiez wiedergetroffen haben. Ich will meine Gruppe verlieren und später wiederfinden. Ich will sogar dem Türsteher mal wieder meinen Ausweis zeigen.

Es ist bestimmt übertrieben, bei der ersten Party nach Corona von einem historischen Moment zu sprechen (Ja okay, das ist definitiv übertrieben). Doch ich bin mir sicher, dass viele es genau so zelebrieren werden. Ich fiebere jetzt schon der Stimmung entgegen, denn eins ist sicher: Alle. werden. Bock. haben.

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