Talk Dirty to Me

Ein Pillow Talk von Paula.

“Dreckige Schlampe. Billiges Flittchen.” Niemals würde ich so respektlos mit mir reden lassen. Respekt ist für mich das A&O in Beziehungen. In Freundschaften. Beim Sex. Vielleicht weil eine gesunde Selbstachtung meines Erachtens damit einhergeht, dass man auch von seinen Mitmenschen erwartet, mit Respekt behandelt zu werden. Allerdings mit einer Ausnahme. Es gibt Momente, in denen Respektlosigkeit verführerisch ist. Wehrlosigkeit erotisch. In denen, die Grenze zwischen Bitten und Betteln verschwimmen darf. 

Ich rede von kleinen Machtspielchen beim Sex. Manchmal habe ich mich danach schlecht gefühlt.  Ich habe mich gefragt, ob mein Respekt vor mir selbst, vielleicht doch nicht so groß ist, wie ich immer dachte. Selbstliebe und Erniedrigung?! Emanzipiert sein und in die unterwürfige Rolle schlüpfen?! Wie geht das zusammen? 

Tatsächlich ist dieser Widerspruch gar nicht so groß wie er zunächst klingt: Sich als Feministin, von einem Mann hart anfassen lassen? Wenn frau das gefällt und sie ihren Partner vielleicht sogar dazu auffordert, lebt sie damit ihre Fantasien aus. Und genau das ist emanzipierter Sex: Ein freies Miteinander, bei dem alle Beteiligten sich ausprobieren und entdecken können – solange klar ist, welche Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Denn damit Respektlosigkeit respektvoll sein kann, braucht es einige Rahmenbedingungen:

Machtspielchen brauchen wie jedes Spiel Regeln. Damit aus Spiel nicht ernst wird. Grenzen abzutasten und auszureizen macht einen Teil der Spannung aus, doch selbst wenn man sich darauf einigt, dass bei einem Nein weitergemacht werden darf, muss es ein anderes Wort geben, dass wirklich Nein heißt. Stichwort Safe Word. Feste Berührungen und scharfe Worte machen Spaß, wenn mensch sich keine Gedanken darüber machen muss, ob jemand möglicherweise zu weit geht. Dafür ist es enorm wichtig, darüber zu reden, wo genau Schluss ist. Denn für den einen selbstverständliche Grenzen, können einige Peitschenhiebe weit von denen der Partner*in entfernt liegen.

Es gibt Frauen, die Vergewaltigungsfantasien haben, wenn sie sich selbst befriedigen. Das mag für viele auf den ersten Blick krank klingen, aber das ist es absolut nicht. Sondern es ist vollkommen okey.  Denn das Bedürfnis hinter Vergewaltigungsfantasien, ist nicht etwa der Wunsch nach einer tatsächlichen gewaltsamen Erfahrung. Solche Vorstellungen, sowie Machtspiele mit Fesseln, Handschellen, Augenbinde etc. leben von dem Gefühl des Kontrollverlustes. Das „Überwältigt werden“ und „Sich ausgeliefert fühlen“, gibt dem Sex etwas Gefährliches, was in manchen Situationen genau das Richtige ist. Und in anderen Situationen komplett fehl am Platz. Ähnlich ist es mit Erniedrigungen und Beschimpfungen. Was sich schmutzig anfühlt, erinnert an Verbotenes. Verbotenes übt bekannterweise einen gewissen Reiz aus und dem beim Sex nachzugehen, ist im Rahmen des Gesunden und steht ebenfalls in keinem Widerspruch zu feministischem Denken. Erneut: Solange alle damit einverstanden sind.

Die meisten Frauen in meinem Freundeskreis, finden eher Gefallen an der unterwürfigen als an der dominanten Rolle. In einer patriarchisch geprägten Gesellschaft ist das wenig überraschend: Frauen gelten als attraktiv, wenn sie sich unkompliziert geben und klein beigeben, während Männer für Durchsetzungskraft und Entschiedenheit respektiert werden. Entsprechend unwohl fühlen viele Frauen sich dabei, direkte Anweisungen zu geben oder gar dem Sexpartner Schmerzen zuzufügen. Für viele Männer kostet das deutlich weniger Überwindung. Wenn die Rollenverteilung bei Machtspielchen mit Selbstverständlichkeit, immer die gleiche ist, kann man*frau für sich und als Paar hinterfragen, warum das so ist und vielleicht das Experiment wagen, die Positionen mal zu tauschen. Klar – das kann anfangs befremdlich sein. So wie der erste betrunkene Dirty Talk weird war, aber sich irgendwie auch aufregend angefühlt hat. So wie viele erste Male befremdlich waren, uns aber immer auch gezeigt haben, was wir mögen und was nicht. Deswegen ist es einen Versuch wert, sich auch mal auf die andere Rolle einzulassen. Wenn mensch am Ende feststellt, dass er*sie daran viel weniger Spaß hatte, dann ist das genauso okey. Kein Paar muss krampfhaft „anders“ Sex haben, um sich von klassischen Rollenbildern abzugrenzen. Sie erkennen und hinterfragen kann allerdings befreiend sein.

Zum Schluss noch Beispiel dafür, warum Feminismus nicht nur für Frauen ist: Ein Rollenwechsel kann auch für Männer befreiend sein, denn männliche Jugendliche und junge Männer leiden oft unter dem Erwartungsdruck, über nahezu alle Lebensbereiche hinweg Dominanz zeigen zu sollen. Beim Sex mal nicht den Ton angeben „zu müssen“, kann den Druck nehmen, immer möglichst „männlich“ auftreten zu müssen. Die Erfahrung, dass Sex noch besser werden kann, obwohl vermeintliche Erwartungen nicht erfüllt sind, erlaubt, sich viel mehr auf den eigenen Körper und das (sexuelle) Miteinander einzulassen.  

Wer es manchmal etwas härter mag, muss sich also keine Sorgen um sein Selbstwertgefühl machen. Keine Frau muss sich schämen, gegen die eigenen feministischen Grundüberzeugungen im Bett „zu verstoßen“. Denn beim Sex entscheidet nicht die Gesellschaft oder unsere Bubble oder irgendwer, außer wir selbst, was Spaß machen darf. Trotzdem werden unsere Fantasien von außen beeinflusst. Wir können mit diesen Einflüssen spielen, in dem wir mal genau das ausprobieren, was nicht von uns erwartet wird. Aber die Idee, dass manche Fantasien falsch wären, die verwerfen wir besser direkt wieder. Also: Keep (or start) talking dirty! In welcher Rolle auch immer.

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