Da müsste Musik sein

Ich höre seit Ewigkeiten mal wieder Radio, während ich den Abwasch mache. Es läuft dieser schrecklich kitschige Song von Wincent Weiss „Musik sein“. Deutsch-Pop. Überhaupt nicht meine Musik. Weil die Auswahl auf den anderen Sendern nichts Besseres hergibt, schalte ich nicht weg. 

„Ey, da müsste Musik sein. Überall, wo du bist. Und wenn es am schönsten ist, spiel es wieder und wieder“, schallt es aus den Lautsprechern und ich verziehe das Gesicht bei so viel Kitsch.

Als ich wenig später das Haus verlasse, umfängt mich die warme Luft eines sanften Sommerabends. Die hektische Stadt hat sich für den Tag beruhigt. Es sind kaum Autos auf der Straße. Pärchen spazieren an mir vorbei, Gruppen von Freunden sitzen am Kanal, überall ausgelassenes Lachen. Es ist einer dieser Sommerabende, an denen man sich wünscht, es wäre immer Sommer. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, dass der Pop-Song aus dem Radio mir im Ohr geblieben ist:

„Ey da müsste Musik sein. Überall, wo du bist, Und wenn es am schönsten ist, lala, ich weiß den Text nicht“, trällere ich leise vor mich hin. Und sehe mich leicht beschämt um, ob jemand meinen Gute-Laune-Anfall mitgehört hat.

Ich gehe an einem Mann mit langen Rastas vorbei, der allein auf einer Bank sitzt. Vor sich eine riesige JBL Box. Lauter Raggae tönt mir entgegen. Ein breites Lächeln im Gesicht. Als nächstes eine Gruppe Jugendlicher, die ihre Musik direkt vom Handy spielt. Das, was mir dort in schrecklicher Ton-Qualität entgegenscheppert, klingt verdächtig nach Deutsch-Rap. Wenige Meter weiter eine Bar, die einen meiner Lieblingstracks von Klangkarussel spielt. „Dancin‘ to the sun“ in Endlosschleife.

„Da müsste Musik sein!“, denke ich. Nicht nur abends am Kanal, sondern auch in den Unis und Bürogebäuden dieser Stadt. Letzte Woche noch war ich auf den Kanaren im Urlaub – dort konnte ich kaum einen Schritt gehen, ohne dass mich rhythmischer Reggaeton aus großen, kleinen, lauten oder leisen Boxen verfolgte. Manchmal bemerkte ich, wie mein Gang sich dem Beat anpasste oder ich mit der Hüfte im Takt wippte, wenn ich stehen blieb. Und gut gelaunt die spanischen Lyrics mitsummte.

„Da müsste mehr Musik sein!“, denke ich. In diesem Leben, das wir hier alle viel zu ernst nehmen. In diesen schönen Wohnungen, in denen wir morgens duftenden Kaffee aufbrühen. In diesen U-Bahnen, die uns bequem und verlässlich zu unserem sicheren Arbeitsplatz bringen. In diesen Mensen, in denen wir mit unseren Freund*innen und Kolleg*innen gemeinsam essen. Vielleicht würden wir das alles mit Musik mehr genießen. So wie wir diesen Sommerabend mit Musik noch mehr genießen. Musik beflügelt, verbindet, inspiriert. Das mag kitschig klingen, aber hey, Wincent Weiss singt von Trompeten, Geigen und Chören, Paukenschlägen, Trommelwirbel und einem leisen Klavier. DAS ist kitschig.

Ich nehme mir nur vor, nicht mehr genervt die Augen zu verdrehen, wenn mein Nachbar laut Helene Fischer hört. Wie oft denken wir „Zu laut. Zu aufdringlich.“  Statt uns zu freuen, dass Karl Peter heute besonders gute Laune hat und das mit der Welt teilen möchte. Statt dem „Lärm“ kurz zu lauschen und dabei in den Moment hineinzufühlen. Genau das ist Musik nämlich: Ein Gefühl. Lebensgefühl.

Während ich weiter am Kanal entlanglaufe, stecke ich meine Kopfhörer, die ich schon rausgeholt hatte, wieder zurück in die Tasche und lausche lieber den Soundtracks dieses Abends, die ich nicht selbst ausgewählt habe. Ich stelle mir die gleiche Szenerie ohne die bunte Mischung von Hip Hop, Techno und Charts vor und denke „Da muss Musik sein“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: