Starke unabhängige Stadtfrauen

Ein Pillow Talk von Paula.

Vor ziemlich genau zwei Jahren sind Alex und ich zusammengezogen. Ein Umzug gehört zu diesen Momenten, an denen Menschen gerne sagen „Ab jetzt wird alles anders“. Neue Wohnung, neues Ich. Wir haben uns damals gesagt „Wir werden jetzt starke, unabhängige Stadtfrauen“. Das war natürlich kein allzu ernst gemeinter Vorsatz, sondern eher ein kleiner Insider-Joke zweier bester Freundinnen. Dennoch war es das Motto unserer ersten Monate in der neuen WG: Die eine hatte sich gerade von ihrer Jugendliebe getrennt und wollte nun wissen, wie es sich als Single in der Großstadt so lebt. Die andere hatte die Suche nach Mr. The-One-and-Only aufgegeben und Geschmack an lockeren, unverbindlichen Dates gefunden. Tinder. Urlaubsaffären. Bloß nichts Festes. Unabhängig waren wir in diesem Sommer. 

Doch wir blieben nicht einmal bis Ende des Sommers eine Single-WG. Auf Flirts und One-Night-Stands folgten – nur wenige Wochen später – Schmetterlinge im Bauch, kuschelige Morgene im Bett, viel tief in die Augen schauen und romantische Spaziergänge. Da war sie plötzlich: Die große Liebe. Sogar im Doppelpack.

Anderthalb Jahre später sind die beiden Bekanntschaften aus besagtem Sommer ein fester Teil unseres Lebens geworden. Es ist wieder Sommer. Wir leben immer noch in unserer Girls-WG in der Stadt, aber etwas hat sich verändert: Wir sind nicht mehr unabhängig. Selbstverständlich brauchen wir unsere Boys nicht um einen Nagel in die Wand zu hauen oder unsere Fahrräder zu reparieren. Aber der Begriff der Unabhängigkeit geht viel tiefer:

Auch in diesem Sommer durchleben Alex und ich wieder eine Lebensphase gemeinsam. Wir beide schreiben an unseren Bachelorarbeiten und werden im Herbst hoffentlich den Abschluss in der Tasche haben. Was dann kommt – großes Fragezeichen. Wahrscheinlich neigt sich auch unsere gemeinsame WG-Zeit dem Ende zu. Und dann? Nach Berlin? Ins Ausland? Mit dem Freund zusammenziehen? 

Wenn ich mir diese Fragen stelle, dann weiß ich, dass die Antworten nicht nur mich betreffen. Doch wenn während meiner Zukunftsplanung die Gedanken an meine Beziehung in den Vordergrund rücken, fühle ich mich überhaupt nicht mehr wie die starke unabhängige Stadtfrau. Und das nicht nur, weil es mir persönlich so wichtig ist, freie Entscheidungen zu treffen: Die eigene Zukunft vom Partner*der Partnerin abhängig zu machen, ist in unserer Generation nicht gerade hoch angesehen. Wir wollen individuell, frei und – da ist es wieder – unabhängig sein! 

Nach meinem Verständnis ist unabhängig allerdings nicht gleich unabhängig. Wenn mein Freund entscheidet nach Köln zu ziehen und ich ohne ihn nicht einmal ein Regal aufbauen kann, dann muss ich wohl auch nach Köln zu ziehen – egal, ob ich dorthin möchte oder nicht. In meinen Augen ist das eine Abhängigkeit, die es unbedingt zu vermeiden gilt.  Wenn die Nähe meines Partners mich glücklich macht und ich deswegen zwei Mal darüber nachdenke, nach Berlin zu ziehen, dann ist das sicherlich auch eine Form der Abhängigkeit.  Aber ist wirklich jede Form von Abhängigkeit schlecht? 

Die Unabhängigkeit, nach der ich mich im Sommer 2019 gesehnt habe, bedeutete für mich, mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Genauer gesagt, die Suche nach dem Glück selbst in die Hand zu nehmen. Unser Glück können wir an Orten und bei Menschen suchen. Wenn wir unser Glück finden, dann gehen wir Verbindungen mit diesem Ort oder Menschen ein. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann ist auch die Frage, ob ich für ein Abenteuer in einer neuen Stadt, eine Fernbeziehung führen möchte, Verbundenheit. Unabhängigkeit und Verbundenheit sind definitiv gegensätzlich. Doch letztere Form der Abhängigkeit, hindert mich nicht daran, hinzugehen, wo auch immer ich hinmöchte. Vielleicht lässt sie mich länger zögern, weil sie ein Zuhause schafft. Ein Zuhause, zu dem ich immer zurückkehren kann. Natürlich hat dieses Zuhause einen Preis: Ich muss mich darum kümmern, um es zu erhalten. Wer ein Haus hat, ist nicht mehr unabhängig. Aber wer gerne in seinem Zuhause wohnt, freut sich jedes Mal, wenn er*sie die Blumen im eigenen Garten gießt. 

Dieses Zuhause kann ein*e Partner*in sein, das können aber auch Freundschaften, eine Stadt oder eine Wohnung sein. Wer sich von seinen Verbindungen eingeengt und zurückgehalten fühlt, soll diese Fäden bitte kappen, sich unabhängig davon machen und allein auf die Suche wonach auch immer gehen. Aber wenn wir uns in unserem Zuhause wohlfühlen und uns noch einmal umdrehen, bevor wir die nächste Suche beginnen, dann müssen wir keine Angst vor Abhängigkeit haben. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir bei dem Menschen/ dem Ort, an dem wir hängen, bereits angekommen sind und Wege finden, ihn auf unsere weiteren Suchreisen mitzunehmen.

Ich bin also keine unabhängige Stadtfrau. Zwangsläufig habe ich mich irgendwann gefragt, ob ich trotzdem eine starke Stadtfrau sein kann. Diesmal habe ich für die Antwort nicht lange gebraucht. Ja! Denn Verbundenheit nimmt uns nicht unsere Stärke, so wie es ungesunde Abhängigkeit tut, sondern sie bietet uns zusätzliche Kräfte und Ressourcen. Aus dieser Perspektive betrachtet sind Verbindungen, keine lästigen Ketten, die uns zurückhalten, sondern Wurzeln, die uns Halt und Orientierung geben. Und eines ist gewiss: Ein Baum, der seine Äste weit ausstreckt, braucht starke Wurzeln. 

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