Tschüss Opa

Ein Pillow Talk von Paula.

Ab dem Tag, an dem wir auf diese Welt geboren werden, bewegen wir uns auf den Tag zu, an dem wir sie wieder verlassen müssen. Zunächst mit kleinen, vorsichtigen Babyschritten, später mit mutigem, zielstrebigem Schritt und schließlich auf gebrechlichen, wackeligen Beinen. Bereits wenn wir unsere Geburtsurkunde erhalten, ist auf der Rückseite – symbolisch gesprochen – die Sterbeurkunde. Doch wird der Tod zumindest im alltäglichen Leben der westlichen Welt kaum thematisiert. Wir blenden unsere Sterblichkeit so gut es geht aus – bis wir ihr nicht mehr ausweichen können. 

Der Opa, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere, war ein „stolzer Mann“, wie man es in seiner Generation wohl sagen würde. Als Anwalt hatte er sich in seiner Geburtsstadt einen guten Namen gemacht und gutes Geld verdient. Er unterhielt zwei Häuser und finanzierte sich und meiner Oma ein gutes Leben. Am Wochenende stand er im Rippchen-Unterhemd im Garten und erntete zufrieden die selbstgepflanzten Kartoffeln. Beim Abendbrot scherzte er, am Kopf des Tisches sitzend, mit uns Kindern um die Wette. 

Mit den Jahren wurden seine Schritte wackeliger und die Erinnerungen verschwommener. Es war ein schleichender Prozess, den mein Opa nicht wahrhaben wollte: Der Nebel, der sich in seinem Gedächtnis immer weiter ausbreitete, hatte einen beängstigenden Namen – Demenz. Ich habe mich oft gefragt, wie es für meinen Opa gewesen sein muss, eines Tages in den Spiegel zu schauen und zu erkennen, dass aus dem stolzen hochgewachsenen Mann, ein alter gebrechlicher Herr geworden war, der Unterstützung brauchte, um seinen Alltag zu bewältigen.

Egal, was Menschen von sich behaupten, ich glaube, dass wir alle auf irgendeine Art, Angst vorm Altwerden und Sterben haben. Auf Hilfe angewiesen sein. Nach und nach die Kontrolle über Körper und/ oder Geist verlieren. Den eigenen Erinnerungen nicht mehr vertrauen können. Und dann, ja was? Für immer Nichts? Es übersteigt die menschliche Vorstellungskraft, dass dieser Körper, der uns jahrzehntelang durchs Leben getragen und die verrücktesten, traurigsten, schönsten Geschichten erlebt hat, irgendwann einfach zu Staub verfallen soll. 

Mein Opa hat diese Tatsachen bis zuletzt vehement versucht auszublenden. Am Anfang überspielte er seine Gedächtnislücken mit Späßen, später wurde er wütend und am Ende hörte er ganz auf zu reden. Jede Hilfe, die meine Mutter und meine Oma, ihm entgegenbringen wollten, lehnte er ab, bis er sich nicht mehr wehren konnte. Jede Frage danach, was er sich für seine letzten Tage wünsche, lies er unbeantwortet. Das machte es für uns alle wahnsinnig schwer, ihm ein würdevolles Ende zu ermöglichen. 

Letzte Woche ist mein Opa gestorben, nachdem er das letzte Dreivierteljahr seines Lebens in einem Heim für Demenzkranke verbracht hat. In den letzten Wochen habe ich ihn viel weinen sehen, aber gar nicht mehr lachen. In meiner Erinnerung hingegen sehe ich ihn mit seinem verschmitzten Lächeln, das ihn manchmal aussehen ließ wie einen kleinen Jungen. Als mein Opa aufhörte zu scherzen, fing ich innerlich an, mich von ihm zu verabschieden. Mit dem Humor verschwand das Leben aus ihm. Seine letzten Wochen und Tage mitanzusehen, waren für mich viel schlimmer, als mich nun endgültig zu verabschieden.

Mit dem Ausblenden der menschlichen Sterblichkeit geht einher, dass wir Menschen, so lange wie irgendwie möglich am Leben halten. Der Preis dafür ist oftmals ein langes Leiden. Als Freund*innen mir ihr Beileid ausgedrückt und viel Kraft gewünscht haben, war mir manchmal danach, zu sagen „Es ist gar nicht so schlimm.“ Das mag kühl und abgestumpft klingen. Doch mein Opa ist 89 Jahre alt geworden und hatte ein erfülltes Leben. Schlimm ist, wenn Menschen mitten aus dem Leben gerissen werden. Schlimm war, meinen Opa leiden zu sehen. Zu wissen, dass er nun von seinem Leid erlöst wurde, ist auch traurig – aber „gar nicht so schlimm“. 

Wenn ich mir den Tod versuche, vorzustellen, erscheint vor meinem inneren Auge zuerst das Bild vom Sensenmann. Aber warum? Wer hat gesagt, dass der Tod ein gruseliges Gerippe in schwarzer Kutte sein muss, das mit seiner Sense die Menschen zu sich holt? In anderen Kulturen wird der Tod viel öfter als Teil des Lebens thematisiert, in manchen wird er sogar gefeiert (zum Beispiel am Día de los Muertos in México). Die 79-jährige Autorin Isabelle Allende aus Chile spricht in ihrem Buch „Mujeres del alma mía“ über den Tod als ihre Freundin: 

„Sie ist eine gereifte, elegante Frau. Liebevoll und parfümiert. Früher drehte sie ihre Runden eine Straße weiter, später im Haus nebenan. Heute wartet sie geduldig in meinem Garten. Manchmal, wenn ich an ihr vorbeilaufe, winken wir uns und sie erinnert mich, dass ich jeden Tag ausnutzen sollte, als wäre er einer der letzten.“[1]

Opa, ich hoffe, dass dein letztes Bild, eine gereifte, elegante Frau war. Liebevoll und parfümiert. Die vielleicht aussah, wie Oma. Die dich an ihre parfümierte Brust gedrückt und dir gesagt hat „Alles ist gut. Du hast es geschafft. Du darfst jetzt gehen.“ Mit diesem tröstenden Bild vor Augen kann ich dir mit einem weinenden, aber auch mit einem lächelnden Auge tschüss sagen:                                                                                        Als wir Kinder waren, hast du dich immer mit dem gleichen Spruch verabschiedet, an den ich mich an dem Tag, an dem du das Leben losgelassen hast, wieder erinnert habe. 

„Tschüss Herr Müller, tschüss Frau Schmitz, bis zum nächsten Knüller, bis zum nächsten Witz.“ Tschüss Opa. 

Ich glaube, dass die Angst vor dem Tod damit wächst, dass wir ihn ausblenden. Das Alter und Sterben als Teil des Lebens anzuerkennen, hilft möglicherweise, zu akzeptieren, dass alles endlich ist. Mein anderer Opa hat immer gesagt „Es ist alles nur geliehen.“ Wenn wir uns etwas leihen und so tun, als gehöre es uns, wird es umso schmerzlicher sein, es wieder abzugeben. Wenn wir hingegen wissen, dass wir eine Leihgabe wieder abgeben müssen, können wir uns darauf vorbereiten. Wir können sie in dem begrenzten Zeitraum besonders intensiv nutzen und uns jeden einzelnen Tag an ihr freuen.  


[1] Frei übersetzt

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