Höher, Weiter, Schneller

Ein Pillow Talk von Paula.

Es ist kein halbes Jahr her, da saßen wir alle zuhause und sehnten uns schmerzlich danach, dass es wieder Leben auf den Straßen, in den Restaurant und Cafés geben würde. Die Vorstellung, sich auf ein Glas Wein in einer Bar zu treffen, schien so weit weg, als wäre es etwas Besonderes, einen unbeschwerten Abend mit Freund*innen verbringen zu dürfen. In der Zeit des Lockdowns haben viele realisiert, dass es genau das ist – Besonders. Ich habe mir damals vorgenommen, dankbar für jeden Café-Besuch, jeden Ausflug und jede noch so kleine WG-Party zu sein, sobald das alles wieder möglich wäre.

Anfang Juni habe ich hier einen Text geschrieben („Gute Laune to Stay“ lautete der Titel), in dem ich ganz beflügelt war von der einfachen Tatsache, meinen Kaffee nicht mehr To Go trinken zu müssen, sondern inmitten von gut gelaunten Menschen in einem Café. Über die Schanze zu laufen und zu sehen, dass das Leben wieder begonnen hatte, zauberte mir ein Dauerlächeln ins Gesicht. 

Fast drei Monate später: Die Sommertage sind so schnell verflogen, dass ich jedes Mal verblüfft bin, wenn ich ein herbstlich gefärbtes Blatt von einem Baum fallen sehe. In der Zwischenzeit war ich mit Freund*innen in Bars und Restaurants. Ich saß wieder in großen Gruppen im Park. Sogar kleine Partys haben wir gefeiert. Ich war im Urlaub und auf einem Festival, bin mit dem Zug durch halb Deutschland gefahren. Das alles schien plötzlich wieder selbstverständlich.

Mit der gleichen Selbstverständlichkeit war es irgendwann im Laufe dieses Sommers wieder nicht mehr genug. Ich habe mich geärgert über den Wochenendtrip, der ausfiel und über das andere Festival, das abgesagt wurde. Als hätte ich meine Vorsätze aus den Wintermonaten vergessen. Dankbar sein. Die kleinen Momente wertschätzen. Zufrieden sein, mit dem, was möglich ist. Schluss mit „Immer höher, immer schneller, immer weiter“. Treiben lassen, statt ständig dem Nächsten hinterher zu jagen. 

In den letzten Wochen und Tagen ging es nicht mehr höher, weiter, schneller für mich. Sondern zurück auf den Boden der Tatsachen. Große und kleine Enttäuschungen. Ein Abschied. Schmerzhafte Wahrheiten. Doch diese Erfahrungen haben mich endlich wieder ruhig werden lassen. Mir die Zeit gegeben, zu spüren und zu fühlen. Mich daran erinnert, dass „Alles auf einmal“ nicht das Ziel ist. Mich auf die letzten Monate blicken und wundern lassen, wie mir trotzdem noch etwas gefehlt haben kann. 

Und darum ist dieser Text ein kleiner Reminder an all unsere Vorsätze aus dem Lockdown. Unser privilegiertes Leben hier ist keine Selbstverständlichkeit. Wir haben uns vorgenommen, dankbarer dafür zu sein und mehr zu helfen. Lasst uns das nicht vergessen. Lasst uns nicht wieder und wieder vergessen, was wirklich wichtig ist. Statt uns in Verabredungen zu verrennen, lasst uns jede einzelne Begegnung wertschätzen. Lasst uns Lücken in unseren Terminkalendern einplanen, um durchzuatmen. Lasst uns weiterhin ein Auge aufeinander haben. Wenn diese Pandemie für irgendetwas gut war, dann um uns Menschen das Gleiche zu zeigen, was die Natur seit Jahren versucht uns zu vermitteln: Unser Tempo ist ungesund. Es geht nicht noch höher, weiter, schneller. 

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