Niemand steht auf Arschlöcher

Ein Pillow Talk von Paula.

„Ich suche mir immer Typen, die sich wie Arschlöcher verhalten.“ Erst neulich habe ich mit einer Freundin wieder ewig lange Sprachnachrichten ausgetauscht, weil sie frustriert von ihrem eigenen Männer-Geschmack war. Flirten, Aufmerksamkeit und Komplimente entgegengebracht bekommen – bis Frau sich traut, echtes Interesse zu zeigen. Plötzlich wie ein altes, abgenutztes Spielzeug mit Missachtung gestraft werden. Dann Selbstzweifel und auf Nachrichten von ihm warten. Hier und da mal wieder ein Häppchen Zuwendung zugeworfen bekommen, damit Frau das Interesse nicht verliert, ihm weiter hinterherrennt und er sich bestätigt fühlt. Arschloch! 

Auch wenn ich aus meiner persönlichen Erfahrungswelt heraus diese Art von Verhalten eher Männern zuordnen würde, möchte ich nicht sagen, dieses Muster wäre typisch männlich. Allerdings ist die positive Reaktion auf dieses Verhalten typisch weiblich. Den Satz „Ich stehe halt auf die Arschlöcher“, habe ich schon öfter von Freundinnen gehört. „Ich steh auf Bitches“, habe ich von Männern hingegen ausschließlich gehört, wenn es um unverbindlichen Sex ging. Warum suchen wir Frauen uns häufig Männer, die uns offensichtlich nicht mit Respekt behandeln? Eine weit verbreitete Flirtmethode in der Community der sogenannten Pick-Up Artists (Männer, die psychologisch manipulative Tricks nutzen, um Frauen zu verführen), schimpft sich „push&pull“. Gemeint ist, die Frau abwechselnd mit Komplimenten anzulocken und sie anschließend zu erniedrigen, um den Willen in ihr zu wecken, den Mann von sich zu überzeugen. WTF! Warum haben Männer damit Erfolg?  

Ich glaube, der Grund hierfür ist ein struktureller. Die Verantwortung für die Verletzung, die bei der anderen Person durch solche Formen der Selbstbestätigung entstehen kann, tragen natürlich die handelnden Subjekte. Aber wenn ich die Schuldfrage stelle, lande ich – wie so häufig – beim Patriarchat und den daraus entstehenden gesellschaftlichen Strukturen. 

Damit zurück zur eigentlichen Frage: Warum hat der Typ Arschloch also Erfolg bei vielen Frauen? Besagte Freundin kam in einer fünfminütigen Sprachnachricht selbst zu dem Schluss, dass „man ja immer das haben möchte, was man nicht haben kann“. So weit, so gut. Aber warum denken Männer sich relativ schnell „Fuck you, Bitch, dann halt nicht“, während Frauen einen Mann oftmals erst als attraktiv wahrnehmen, wenn er sich untouchable gibt?[1]

Die Comedienne und Feministin Carolin Kebekus hat ein Buch geschrieben, dessen Titel die Antwort liefert: „Es kann nur eine geben“. Wohin ich schaue, unbewusst wird Mädchen und Frauen ständig vermittelt, dass die Plätze an der Spitze limitiert sind – zumindest für Menschen mit Uterus. In den meisten Gremien und Vorständen gibt es mittlerweile einen bestimmten Mindestanteil an Frauen. Um einen dieser begrenzten Plätze zu bekommen, müssen wir aber unbedingt besser sein als all die anderen Frauen. Für Männer gibt es meistens mehr Plätze, das heißt der Druck, dort unterzukommen ist geringer, der Konkurrenzkampf kleiner. 

In hunderten von Teeniefilmen, mit denen ich aufgewachsen bin, dreht sich alles um den ach-so tollen Hauptdarsteller, um den es früher oder später einen Bitchfight gibt. Seine Rolle – meistens betitelbar mit „Typ arrogantes Arschloch“ – lebt davon, dass die weiblichen Charaktere um seine Aufmerksamkeit konkurrieren. Mal ganz abgesehen davon, dass die Aufgabe der Frau, die es schlussendlich an seine Seite schafft, meistens nur darin besteht, an seiner Seite gut auszusehen und ihm den Rücken freizuhalten. 

Wenn jugendliche Mädchen in einem Alter, in dem sie nach Orientierung suchen, lernen, es ginge nicht darum, wie der Typ sie behandele, sondern darum, es trotz seiner Unnahbarkeit an seine Seite zu schaffen, dann ist die Antwort auf meine Frage offensichtlich. Warum landen manche Frauen immer wieder bei Arschlöchern? Weil ihnen beigebracht wurde, das Ziel sei es, den Konkurrenzkampf zu gewinnen. Nicht etwa, mit Respekt behandelt zu werden. Für die kommende Generation mag sich hier einiges ändern, weil zum Beispiel Netflix sich derzeit große Mühe gibt, Geschlechterrollen mal zu tauschen. 

Doch die Hollywood-Drehbücher umzuschreiben, reicht nicht: Auch im gesellschaftlichen Narrativ sind Machtpositionen von Frauen oft dadurch beschrieben, dass sie es an die Seite von einem Mann geschafft haben. Mensch betrachte Titel wie „Die Frau vom Bundespräsidenten“. Der „Frau von …“ wird niemals der gleiche Respekt entgegengebracht werden wie „…“. Denn solche Titel implizieren keine Beziehung auf Augenhöhe. Dabei sollten wir genau danach streben: Nach Beziehungen auf Augenhöhe. Wenn uns aber von klein auf Frauenrollen als erstrebenswert präsentiert werden, die auf Unterordnung basieren, ist es kein Wunder, wenn ein Teil in uns, Bestätigung darin sucht, zu einem Mann hinaufzublicken. Dass eine gesunde Beziehung auf gegenseitigem Respekt und beidseitiger Wertschätzung basiert, brauche ich wohl kaum weiter auszuführen. Wenn bereits die ersten Annäherungsversuche ein einziges Ego-Gehabe sind, ergreife Frau (oder Mann) also lieber schnell die Flucht. 

Ich bin mir sicher, dass wenn die Vorbilder sich ändern, deutlich weniger Männer, die Arschloch-Rolle spielen werden. Auch von männlichen Freunden habe ich oft den Satz gehört „Frauen stehen nicht auf nette Jungs“. Meine Antwort lautete meistens:  

„Niemand steht auf Arschlöcher. Manchmal denken wir Frauen das vielleicht, weil es uns so vorgelebt wurde. Aber nur so lange, bis jemand kommt, der*die uns nett behandelt und uns Respekt entgegenbringt.“


[1] Das ist natürlich plakativ formuliert und trifft nicht auf alle Männer/ Frauen zu. Es handelt sich um eine generalisierte Beobachtung aus meinem persönlichen Umfeld. Hier geht es nur um Männer und Frauen, weil mir die geschilderten Umgangsformen nur aus heteronormativen Dating-Stories bekannt sind.

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