La Pura Vida

Ein Pillow Talk von unserer Gastautorin Lizzie.

Das Leben einfach fließen lassen und den Dingen nachgehen die im Alltag auf der Strecke bleiben. Yoga, Meditation, Kunst, Bücher lesen, Me-Time und Quality-Time mit meinem Partner. So stellte ich es mir vor. „Das pure Leben“. Seit Anfang des Jahres träumten mein Freund und ich davon, gemeinsam auf große Europareise zu gehen. Um genau zu sein – zu fahren, denn wir beide steckten eine Menge Zeit, Liebe und Energie in einen Mercedes Sprinter und ackerten uns ein halbes Jahr lang den Arsch wund, um im Sommer das beliebt gewordene „VANLIFE“ leben zu können. Dabei bewegten wir uns zwischen euphorisierenden Erfolgserlebnissen und niederschmetternden Rückschlägen. Die Zeit war geprägt von Tränen der Freude und manchmal auch von Tränen der Überforderung. Im Juli war es dann endlich soweit. Aus einem Sprinter wurde ein Zuhause. Wir ließen Familie, Freund*innen und Routinen hinter uns und stürzten uns ins Abenteuer. 

Ich war unglaublich aufgeregt und konnte es kaum erwarten endlich das pure Leben zu kosten. Die Schränke waren gefüllt mit diversen Kunstutensilien, meine beinahe verstaubte Yogamatte war bereit, endlich benutzt zu werden und der „NOCH-nicht-gelesen-Bücherhaufen“ war verstaut und wollte gelesen werden. „In meinem neuen Leben werde ich eine Menge Zeit für all diese Dinge haben“, dachte ich mir und wir fuhren mit einem Lächeln auf dem Gesicht in Richtung Süden.

Die Tage und Wochen vergingen und die Eindrücke brannten sich ein. Neue Orte und Begegnungen brachten täglich Überraschungen mit sich. Routinen gab es nur noch wenige. Das alte Leben lag hinter uns und vor uns lag das Unbekannte. Wir planten kaum etwas und starteten jeden Tag, wie es uns gefiel. Am Morgen eines Tages wussten wir fast nie, wo wir am Abend sein würden. Unsere Handys füllten sich mit wunderschönen Urlaubsfotos und unsere Haut nahm eine konstante Bräune an. 

Klingt bis dahin erstmal alles perfekt, könnte man meinen. Was wir allerdings unterschätzt haben, ist der enorme Zeitaufwand für alles Mögliche in einem Leben, in dem alles möglich ist. Du bist jeden Tag an einem neuen Ort mit neuen Menschen. Sicherheit und Komfortzonen verschwimmen zwischen überfüllten Stränden und Autopannen. Yogaroutine am Morgen wird schnell mal ersetzt durch französische Polizisten, die dich vom Parkplatz schicken. Der gemütliche Strandtag mit Buch muss hinten anstehen, da das Auto mal wieder komische Geräusche macht. Aus Malen in der Sonne konnte auch mal wieder nichts werden, denn die Gasflasche ist leer und der Kühlschrank läuft nicht mehr. Präferenzen der Tagesgestaltung wird von der Vanlife-Lebenserhaltung häufig ein Strich durch die Rechnung gemacht. Unsere Laune hält sich dabei manchmal in Grenzen. Wenn man eigentlich lieber das Leben kosten will, statt Verpflichtungen nachzugehen, reagiert man dann doch gereizter auf einen dummen Kommentar des Gegenübers. Dann kommt es plötzlich zu hitzigen Diskussionen und die Laune sinkt. Ich erwische mich dabei, wie ich denke „so hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt“. 

Dann kommen wir wieder zur Ruhe. Die „stressigen“ Erledigungen liegen hinter uns und wir planen einen romantischen Abend zu zweit. Trotz der Tatsache, dass man 24/7 aufeinander hockt, kommt man nur selten dazu, sich bewusst Zeit füreinander zu nehmen. Wir finden einen tollen Ort für den Abend und machen es uns gemütlich. Plötzlich kommen die Nachbarn aus dem Bus gegenüber und man kommt ins Gespräch. Aus einem gemeinsamen Schnack wird schnell ein gemeinsamer Abend und die Pläne der Zweisamkeit werden über den Haufen geworfen. 

Am nächsten Morgen stelle ich fest „Ich habe schon wieder zu viel Alkohol getrunken und mein Schädel fühlt sich nicht nach Yoga an“. Ein Anflug von Groll überkommt mich und ich ziehe mich zurück. Meditieren und kurz mal durchatmen. Ich setze mich ans Wasser und schließe die Augen. Vor mir ein Anblick für die Götter und hinter mir ein lustiger Abend und tolle Gespräche. Der Wind bläst sanft durch mein Haar und das Meeresrauschen ist wie Gesang in meinen Ohren. Ich realisiere, wo ich eigentlich bin. Ein Gefühl von Dankbarkeit und Glück erfüllt mich und ich lächele dem Meer entgegen. Das pure Leben füllt mich plötzlich aus und ich fange an zu lachen. Zu lachen über meinen Groll und meine Pläne. John Lennon sagte mal „Leben ist das, was passiert, während du beschäftigt bist, andere Pläne zu machen“ und ich fange an zu verstehen, was er damit meinte. La pura Vida bedeutet nicht, sich an Pläne zu halten. Das Leben fließen zu lassen, meint nicht, sich krampfhaft seinen Vorsätzen zu beugen. La pura Vida bedeutet Bewusstsein für den Moment. Denke ich an all die Momente und Begegnungen zurück die zufällig passiert sind, so realisiere ich die tolle Zeit die daraus resultiert ist. Ich realisiere, dass La pura vida nicht nur Zuckerschlecken und das Ausleben meiner Hobbys bedeutet, sondern auch die Auseinandersetzung mit spontanen Rückschlägen. Dass Autopannen und Verständnisproblematiken genauso zu meinem Leben gehören, wie traumhafte Sonnenuntergänge und delikate Abendessen mit Meerblick. Denn ist es nicht genau diese Balance, die das Leben ausmacht?

Das Gesetz der Polarität besagt, dass alles auf dieser Welt aus Gegensätzlichkeiten besteht. Dass es ohne Nacht keinen Tag gäbe, dass es ohne Rückschläge keine Wertschätzung gäbe und dass wir ohne Trauer, das Glück in unserem Leben übersehen würden. Es ist die Essenz von Gut und Böse, von Yin und Yang, die unser Leben besonders macht. Wir können nicht sagen, dass etwas komplett böse und dafür etwas anderes nur gut ist. „Alles kann in zwei völlig entgegengesetzte Teile getrennt werden, von denen jeder noch das Potenzial des anderen enthält.“ 

Ich fange an meinen Groll zu vergessen und mein Herz mit Dankbarkeit zu füllen. Die Momente des Ärgers über die Patzer und Planungsänderungen, Differenzen und nicht erfüllte Vorsätze, lege ich ab. Ich nehme mir vor, mir nicht mehr so viel vorzunehmen. Meine Haut ist geschmückt mit einem Tattoo auf dem steht „Go with the flow“. Ich berühre diese Stelle und schließe nochmal die Augen. Ein Lächeln ziert erneut mein Gesicht und ich atme durch. 

Lizzie ist Reisende, Gedankenschweifende, Suchende, Schreibende. Im Schreiben findet sie Antworten. Auf Fragen, die sie vorher nicht einmal definieren konnte. Es hilft ihr, zu verarbeiten, zu resignieren und zu erkennen. „Mein Kopf ist oft ein Wirrwarr aus Gedankensträngen und Möglichkeiten. Mir die Zeit zu nehmen, das Wirrwarr zu entflechten, ist die Zeit, in der ich schreibe.“

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