Vor(schnelle) Urteile

Ein Pillow Talk von Paula.

Ich habe Vorurteile. Ja, richtig gelesen.

Und das, obwohl ich viele meiner Texte schreibe, um Statements gegen Rassismus oder Sexismus zu setzen. Um Vorurteile zu überholen. Wie es sein kann, dass ich trotzdem Vorurteile habe?

Klären wir vielleicht erst einmal die Frage, über welche Vorurteile ich überhaupt spreche. Meine letzte Reise hat mich nach Marokko geführt. Ich war schon öfters außerhalb von Europa, doch es war das erste Mal, dass ich in einem arabischen Land unterwegs war. Da der Trip relativ spontan war, habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, was mich erwarten würde. Wenn ich Freund*innen und Familienmitgliedern erzählte, dass ich nach Marokko reisen würde, hörte ich Sätze wie

„Mit dir als Frau wird niemand sprechen. Stell dich schon einmal darauf ein, dass dein Freund gefragt wird, was du essen möchtest.“

„Lasst euch nicht über den Tisch ziehen. Das ist dort an der Tagesordnung.“

„Esst nur in Restaurants, in denen viele Touristen sind. Unsere europäischen Mägen sind an saubere Küchen gewöhnt.“ 

Zugegebenermaßen reflektierte ich diese Sätze wenig, sondern freute mich weiterhin munter auf meinen Urlaub. Als wir in Marokko landeten, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass derlei Kommentare einen Effekt hinterlassen hatten:

Während unserer ersten Tage in Marrakech legte ich auf beinahe provokante Weise besonders viel Wert darauf, für mich selbst zu sprechen. Solange mein Freund dabei war. Sobald ich allein unterwegs war, bemerkte ich, wie ich eingeschüchtert mein Shirt hochzog, um keinen zu tiefen Einblick in mein Dekolleté zu gewähren. Als wir das erste Mal im Restaurant essen waren, wartete ich quasi darauf, dass sich erste Symptome einer Lebensmittelvergiftung zeigen würden. Wenn uns jemand auf der Straße seine Hilfe anbot, überlegte ich skeptisch, welcher Betrugsversuch wohl dahinterstecken könnte. 

Nach ein paar Tagen stellte ich überrascht fest, dass mein Freund noch kein einziges Mal gefragt worden war, was ich essen wolle. Ich wartete vergeblich auf den Moment, in dem ein schmieriger Typ mich für hundert Kamele kaufen wollen würde. Das Essen war nicht nur lecker, sondern bekam mir auch hervorragend – was mich auf den zweiten Blick nicht überraschte, da die meisten Restaurants sauberer waren als meine eigene Wohnung. Mit Erschrecken stellte ich fest, dass hinter den Hilfsangeboten (außerhalb des touristischen Marrakech) tatsächliche Hilfsbereitschaft steckte. Mit Erschrecken, weil ich mich fragte, was für ein Menschenbild ich mir angeeignet hatte, dass ich so misstrauisch auf Nettigkeit reagierte.

Ich dachte an meine Reisen nach Lateinamerika und erinnerte mich daran, wie mich die Hilfsbereitschaft der Latinos*as beeindruckt hatte. Dort hätte ich mich aber eher sagen hören „Genauso hab ich mir Lateinamerika vorgestellt“, anstatt über mögliche Hinterhalte nachzudenken. Mein Misstrauen lag also nicht an meinem allgemeinen Menschenbild, sondern an meinen Vorurteilen gegenüber arabischen Ländern! Gebe ich nur ungerne zu, entspricht aber der Wahrheit.

Diese Vorurteile sind sicherlich nicht nur durch die daher gesagten Sätze aus meinem privaten Umfeld entstanden. Während Lateinamerika in den Medien oft als exotisches Tropenparadies, in dem alle lebensfroh Salsa tanzen, dargestellt wird, schüren die Nachrichten über arabische Länder vor allem Angst: Krieg, unterdrückte Frauen, repressive Regierungen. Was nicht heißen soll, Medien sollten nicht über derlei Missstände berichten. Das Problem ist die mangelnde Differenzierung:  Nicht überall in Lateinamerika wird Salsa getanzt. Nicht alle Kinder in Afrika hungern. Nicht in allen arabischen Ländern ist Krieg. Während wöchentlich mehrmals über die Taliban in Afghanistan berichtet wird, habe ich erst ein einziges Mal eine Dokumentation über die ausgeprägte Gastfreundschaft der Menschen in arabischen Ländern gesehen. 

Während der Tage in Marokko habe ich gemerkt, dass all die negativen Schlagzeilen über arabische Länder, die ich seit meiner Kindheit in der Zeitung lese, ein generelles Gefühl von Bedrohung entstehen haben lassen. Mit anderen Worten: Vorurteile. Denn Vorurteile sind häufig Generalisierungen von negativen Erfahrungen oder Eindrücken. So wären einige meiner Befürchtungen sicher angebracht gewesen – jedoch in entlegenen Teilen des Landes oder im Marokko von vor 50 Jahren. Nicht generell in Marokko.

Ich war schockiert, als ich festgestellt habe, wie voreingenommen ich in den ersten Tagen gegenüber den Menschen war. Ohne jemals selbst negative Erfahrungen mit Araber*innen gemacht zu haben. Wir haben gastfreundliche, offene Menschen kennengelernt. Wir sind über modernste Straßen gefahren. Wir haben in hippen Cafés Bowls gegessen. Und sind nicht in ein gefährliches Mittelalter gereist. 

So, what’s the point? Ich würde mir wünschen, dass wir bewusster damit umgehen, andere Länder als gefährlich oder rückständig darzustellen. Natürlich ist es wichtig – insbesondere als Frau – beim Reisen auf die eigene Sicherheit zu achten. Doch es ist gefährlich, unreflektiert Narrative zu übernehmen, die bereits eine lange Geschichte haben und von Medien wieder und wieder reproduziert werden. Und wir müssen aufhören, so zu tun, als wäre Deutschland bzw. Westeuropa der Maßstab. Als wären Frauen hier auf der Straße zu jeder Uhrzeit sicher, als wären unsere Regierungen nicht korrupt und unsere Politik progressiv. Und als würden andere Kulturen nur danach streben, unseren Entwicklungsstand zu erreichen – statt ihre eigene Entwicklung zu verfolgen. Die anders ist. Aber deswegen nicht schlechter. Vielleicht müssten wir dann nicht erst nach Marokko reisen, um über die arabische Kultur zu lernen. Vielleicht würden wir unsere arabischen Nachbarn tatsächlich kennen, statt sie nur verhalten im Treppenhaus zu grüßen. Denn dann bräuchten wir gar keine Vorurteile. 

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