Quality Time

Ein Pillow Talk von Paula.

„Wenn ich meine Termine nicht nach seinem Kalender richten würde, würden wir uns gar nicht mehr sehen“, beschwerte sich letzte Woche eine Arbeitskollegin bei mir. Ihr Freund sei momentan so in seine Arbeit vertieft sei, dass die gemeinsame Zeit viel zu kurz kommen würde. „Und gleichzeitig fühle ich mich total anhänglich, wenn ich ihn bitte, sich mehr Zeit zu nehmen. Als würde ich klammern.“

Kommt euch bekannt vor? Mir schon: In meinem Freundeskreis, in meinen eigenen Beziehungen und in Büchern ist mir die dahinterliegende Frage schon häufig begegnet: Warum haben Er und Sie* oft unterschiedliche Vorstellungen davon, wie viel Quality Time zu zweit eine glückliche Beziehung braucht?

Als ich mit 14 Jahren das erste Mal richtig verliebt war, vergaß meine Jugendliebe gerne mal unsere Treffen und meldete sich dann einige Tage später mit einem „Ey, hast du Zeit vorbeizukommen?“ Egal, ob ich Zeit hatte oder nicht – ich nahm sie mir. Denn einen Freund zu haben, stand ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Zum Glück habe ich irgendwann verstanden, dass jemand, der so mit mir umgeht, meine Zeit nicht verdient. Doch ist „Beziehung“ auch zehn Jahre später noch unter meinen Top-Prioritäten, wenn nicht sogar DIE Priorität. Wie oben zitierte Freundin gestalte ich meine Wochenplanung in der Regel so, dass genug Quality Time mit meinem Partner bleibt. Bevor wir keine Zeit füreinander haben, verschiebe ich mit Selbstverständlichkeit eher mal ein To Do auf den nächsten Tag. Mein Freund hingegen plant seine Woche und schaut dann, wann und wie wir Zeit miteinander verbringen können. Es gab Momente, in denen es mich traurig gemacht hat, dass unser Miteinander nicht Prio Nummer eins zu sein schien und ich habe mich wie das 14-jährige Mädchen gefühlt, das einen Abend mit den Mädels für ein Date absagt. Aus meinem Umfeld weiß ich, dass ich mit diesem Gefühl nicht allein bin. Wie Carry aus Sex and the City in ihrer Kolumne schreiben würde „I couldn’t help but wonder: Sind Männern ihre Beziehungen weniger wichtig?“

In ihrer feministischen Kritik „Süß“ echauffiert Ann-Kristin Tlusty sich darüber, dass die Biografien bedeutender Frauen stets „die immer gleiche dramatische Liebesgeschichte ent(halten), als sei das Leben einer Frau erst dann von Bedeutung, wenn es von einem Mann bewundert und anerkannt würde, als sei das Leben einer Frau primär: ihr Liebesleben.“ Wenn ich mich mit Freundinnen treffe, fühle ich mich manchmal tatsächlich wie Miranda (um bei Sex and the City zu bleiben), die in einer Folge entnervt feststellt, dass es immer zuerst um Männer geht, bevor die vier Frauen über Karriere oder gar ihre eigenen Interessen reden. Ich würde behaupten, dass das Leben vieler Frauen primär ihr Liebesleben IST. Aber nicht aufgrund von mangelnden beruflichen Ambitionen oder gar der angeborenen „Häuslichkeit“, die Frauen immer noch gerne zugeschrieben wird. Sondern, weil wir schon als kleine Mädchen lernen, dass unsere Erfüllung darin liege, auf unseren Prinzen zu WARTEN (erobern ist und bleibt Männersache). Weil wir mit 14 Zeitschriften wie „Mädchen“ lesen, um zu verstehen, wie wir die Männerwelt von uns überzeugen können und 90% aller Girly-Teenie-Bücher sich um die erste große Liebe drehen. Und als erwachsene Frauen sehen wir dann die verfilmten Biographien erfolgreicher Frauen, die bestätigen, was wir über Jahre eingetrichtert bekommen haben: Die Geschichte einer Frau ist nicht vollständig ohne Erzählungen von ihrem Liebesleben. Bestes Beispiel: Als ich in der Schule das erste Mal von Simone de Beauvoir hörte, wurde sie mir als „Geliebte von Sartre“ präsentiert, statt als Verfasserin des revolutionären Werks „Das andere Geschlecht“. Während Sartre von Anfang an „französischer Intellektueller und bedeutender Schriftsteller“ und damit genug war.

In unserer emanzipierten Welt des Jahres 2022 ist eine erfolgreiche Frau, eine Frau die Karriere macht UND eine glückliche Beziehung führt. Später vereint die erfolgreiche Frau dann als Mutter Beruf und Familie. Während an Frauen vor allem die Erwartung, gesunde Beziehungen zu führen, herangetragen wird, werden Männer an ihren Leistungen gemessen: Ob im Sport oder im Job – mit Leistung beweist man(n) Männlichkeit. Tja, und da der weibliche Part häufig die Beziehung an erste Stelle setzt, können viele Männer ihre berufliche Zukunft zur Priorität machen – in der Gewissheit, dass die Beziehung trotzdem läuft. Mensch muss gar nicht um allzu viele Ecken denken, um zu verstehen, dass ein System, in dem Frauen sich für die gemeinsame Zeit verantwortlich fühlen, ihnen deutlich weniger Zeit lässt, sich um ihre Karriere zu kümmern. Einer von vielen Selbsterhaltungsmechanismen des Patriarchats. 

Was nützt diese Erkenntnis nun? Mir hat sie zunächst geholfen, zu erkennen, dass es sich nicht nur um ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema handelt. So habe ich oben zitierter Kollegin geantwortet: „Du klammerst nicht, weil du dich um eure Beziehung kümmerst. Du übernimmst Verantwortung für eure Beziehung, weil du gelernt hast, dass das deine Aufgabe ist. Das ist auch nichts Schlechtes – im Gegenteil, allerdings hat dein Freund vielleicht noch nicht verstanden, dass das in einer emanzipierten Beziehung genauso seine Aufgabe ist.“ Keine Frage: In manchen Beziehungen mag die Ursache für andere Prioritäten tatsächlich sein, dass einer Seite die Beziehung nicht so wichtig ist, wie der anderen Seite. In diesem Fall: Run boys and girls – you deserve better.

Die Arbeit an diesem Thema kann aber auch die Mühe wert sein, wenn so Rollenverteilungen in der eigenen Beziehung erkannt und gelernte Prioritäten überdacht werden. Es geht bei diesem Thema um mehr als gemütliche Abende zu zweit. Es geht um ein geteiltes Bewusstsein dafür, was eine gesunde Beziehung braucht und auch um gegenseitiges Verständnis, dass sich antrainierte Verhaltensmuster nicht von heute auf morgen ändern. Dazu gehört, vom Umfeld an uns herangetragene Erwartungen nicht zu erfüllen: Für ihn – auszuhalten, wenn die Kollegen den Kopf schütteln, weil ihm ein Abend zu zweit wichtiger ist als manche Jobtermine. Für sie – auszuhalten, wenn die Freundinnen nicht verstehen können, wie ihr manche Termine wichtiger sein können, als ein Abend zu zweit. Das mag einige Beziehungen mit Kolleg*innen, Freund*innen oder der Familie schwieriger machen, aber die Partnerschaft wird es umso mehr stärken (was nicht heißt, dass es keine Herausforderung sei J).

*Ich spreche hier bewusst nur von heteronormativen Zweierbeziehungen aus folgenden Gründen:

1. Ich habe zu wenig Einblick in queere Beziehungen, als das ich über typische Muster in solchen schreiben könnte. 2. Ich nehme gleichzeitig an und habe viel darüber gelesen, dass queere Beziehungen freier von stereotypen Verhaltensmustern sind, da queere Menschen nicht den klassischen Rollenerwartungen entsprechen und deswegen in anderem Maße gefordert sind, geschlechterspezifisches Verhalten zu hinterfragen.

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