Höher, Weiter, Schneller

Es ist kein halbes Jahr her, da saßen wir alle zuhause und sehnten uns schmerzlich danach, dass es wieder Leben auf den Straßen, in den Restaurant und Cafés geben würde. Die Vorstellung, sich auf ein Glas Wein in einer Bar zu treffen, schien so weit weg, als wäre es etwas Besonderes, einen unbeschwerten Abend mit Freund*innen verbringen zu dürfen. In der Zeit des Lockdowns haben viele realisiert, dass es genau das ist – Besonders. Ich habe mir damals vorgenommen, dankbar für jeden Café-Besuch, jeden Ausflug und jede noch so kleine WG-Party zu sein, sobald das alles wieder möglich wäre.

Kreativ mit Anlauf

Im letzten Monat habe ich nicht geschrieben. Nicht auf diesem Blog, nicht in mein Tagebuch. Keine Gedanken, keine Zitate, keine Ideen.
Es gab kein dramatisches Ereignis in meinem Leben, das diese kleine Blockade hervorgerufen hat. Doch ich merke grade mehr als zuvor, wie sehr der Alltag meine Kreativität einschränkt. Ich habe nicht aufgepasst und keinen Raum gelassen für all die Worte, die zu Papier gebracht werden wollen. Hatte keine Lust, mich hinzusetzen und noch in die Tasten zu hauen. Es kam mir so vor, als müsste ich zu viel Energie dazu aufwenden, um zu schreiben. Ich war antriebslos und habe es deshalb einfach sein gelassen.

Tschüss Opa

Ab dem Tag, an dem wir auf diese Welt geboren werden, bewegen wir uns auf den Tag zu, an dem wir sie wieder verlassen müssen. Zunächst mit kleinen, vorsichtigen Babyschritten, später mit mutigem, zielstrebigem Schritt und schließlich auf gebrechlichen, wackeligen Beinen. Bereits wenn wir unsere Geburtsurkunde erhalten, ist auf der Rückseite – symbolisch gesprochen – die Sterbeurkunde. Doch wird der Tod zumindest im alltäglichen Leben der westlichen Welt kaum thematisiert. Wir blenden unsere Sterblichkeit so gut es geht aus – bis wir ihr nicht mehr ausweichen können. 

Starke unabhängige Stadtfrauen

Vor ziemlich genau zwei Jahren sind Alex und ich zusammengezogen. Ein Umzug gehört zu diesen Momenten, an denen Menschen gerne sagen „Ab jetzt wird alles anders“. Neue Wohnung, neues Ich. Wir haben uns damals gesagt „Wir werden jetzt starke, unabhängige Stadtfrauen“. Das war natürlich kein allzu ernst gemeinter Vorsatz, sondern eher ein kleiner Insider-Joke zweier bester Freundinnen. Dennoch war es das Motto unserer ersten Monate in der neuen WG: Die eine hatte sich gerade von ihrer Jugendliebe getrennt und wollte nun wissen, wie es sich als Single in der Großstadt so lebt. Die andere hatte die Suche nach Mr. The-One-and-Only aufgegeben und Geschmack an lockeren, unverbindlichen Dates gefunden. Tinder. Urlaubsaffären. Bloß nichts Festes. Unabhängig waren wir in diesem Sommer. 

Da müsste Musik sein

Ich gehe an einem Mann mit langen Rastas vorbei, der allein auf einer Bank sitzt. Vor sich eine riesige JBL Box. Lauter Raggae tönt mir entgegen. Ein breites Lächeln im Gesicht. Als nächstes eine Gruppe Jugendlicher, die ihre Musik direkt vom Handy spielt. Das, was mir dort in schrecklicher Ton-Qualität entgegenscheppert, klingt verdächtig nach Deutsch-Rap. Wenige Meter weiter eine Bar, die einen meiner Lieblingstracks von Klangkarussel spielt. „Dancin‘ to the sun“ in Endlosschleife. „Da müsste Musik sein!“, denke ich. Nicht nur abends am Kanal, sondern auch in den Unis und Bürogebäuden dieser Stadt. Noch eine Woche zuvor war ich auf den Kanaren im Urlaub gewesen. Dort konnte ich kaum einen Schritt gehen, ohne dass mich rhythmischer Reggaeton aus großen, kleinen, lauten oder leisen Boxen verfolgte.

Support von Außen

Pride Month ist vorbei und mein Nachbar von Gegenüber hat allen Ernstes die Regenbogenfahne an seinem Balkon wieder gegen die seines Lieblingsfußballvereins eingetauscht. Naja, das war immer noch besser als nichts, denke ich mir.

Ich bin eine weiße, heterosexuelle Cis-Frau aus einem finanziell stabilen Akademiker*innen-Haushalt. Keine Einschränkungen. Keine Erkrankungen. Die Liste meiner Privilegien zieht sich vielleicht nicht ins Unendliche, aber die paar Steine auf meinem Weg sind definitiv eher Kiesel als Felsen.

Wem du in jedem Hostel begegnest

Ich war endlich wieder allein reisen. Eine Woche lang im alternativ angehauchten Yoga-Surf-Camp auf Teneriffa. Damit ist schon vorweggenommen, dass ich nicht wirklich allein war: Ich habe viele dieser interessanten Menschen getroffen, die man beim Reisen halt so trifft.

Mehr oder weniger allein auf Reisen – das ist dieses Lebensgefühl von alternativ-sein, „anders als die Anderen“. Doch so unterschiedlich jeder „Weg zu sich selbst“ aussieht, es gibt Typen von Alleinreisenden, die ich bisher in jedem Hostel getroffen habe:

Pause machen

Ich bin im Urlaub. Zum ersten Mal seit dem viel zu langen Corona-Winter habe ich mit gepacktem Rucksack eine Grenze überquert. Und dabei gemerkt, wie wichtig es doch ist: Abstand zu nehmen. Pause zu machen.

Zeit zu beichten

Mit einer Sünde ist zwar ursprünglich eine Handlung gemeint, mit der man gegen ein religiöses Gebot verstößt, doch wir haben den Begriff auch in unsere Alltagssprache übernommen. „Es ist eigentlich eine Sünde, Fast Fashion zu kaufen“, aber trotzdem laufen wir glücklich mit vollen Tüten aus Läden, deren Name aus zwei Buchstaben und einem & besteht. Obwohl ich weiß, dass Menschen unter den grauenvollsten Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn mein neues Shirt genäht haben, konnte ich nicht widerstehen. Ich hatte schließlich noch keins in dem Farbton. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen.

Menschen haben seit Anbeginn der Zeit gelogen, betrogen, gestohlen. Doch ich glaube, wir sündigen heute so viel wie nie zuvor.

Selfcare is(n’t) selfish?

Spätestens seit dem Lockdown hat der Selfcare-Hype auch die Letzten erreicht. Selfcare war quasi das Traveln der Pandemie-Zeit: Yoga. Meditieren. Mindfulness. Me-Time. Alles getreu dem Motto „Focus on yourself“. Ich frage mich manchmal, ob unsere Generation nicht ohnehin schon selbstzentriert genug denkt und vor lauter Selfcare das Füreinander etwas kurz kommt…