Vor(schnelle) Urteile

Ich habe Vorurteile. Ja, richtig gelesen.
Und das, obwohl ich viele meiner Texte schreibe, um Statements gegen Rassismus oder Sexismus zu setzen. Um Vorurteile zu überholen.Wie es sein kann, dass ich trotzdem Vorurteile habe?

Meine letzte Reise hat mich nach Marokko geführt. Ich war schon öfters außerhalb von Europa, doch es war das erste Mal, dass ich in einem arabischen Land unterwegs war. Da der Trip relativ spontan war, habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, was mich erwarten würde. Wenn ich Freund*innen und Familienmitgliedern erzählte, dass ich nach Marokko reisen würde, hörte ich Sätze wie

„Mit dir als Frau wird niemand sprechen. Stell dich schon einmal darauf ein, dass dein Freund gefragt wird, was du essen möchtest.“

La Pura Vida

Das Leben einfach fließen lassen und den Dingen nachgehen die im Alltag auf der Strecke bleiben. Yoga, Meditation, Kunst, Bücher lesen, Me-Time und Quality-Time mit meinem Partner. So stellte ich es mir vor. „Das pure Leben“. Seit Anfang des Jahres träumten mein Freund und ich davon, gemeinsam auf große Europareise zu gehen. Um genau zu sein – zu fahren, denn wir beide steckten eine Menge Zeit, Liebe und Energie in einen Mercedes Sprinter und ackerten uns ein halbes Jahr lang den Arsch wund, um im Sommer das beliebt gewordene „VANLIFE“ leben zu können. Dabei bewegten wir uns zwischen euphorisierenden Erfolgserlebnissen und niederschmetternden Rückschlägen. Die Zeit war geprägt von Tränen der Freude und manchmal auch von Tränen der Überforderung. Im Juli war es dann endlich soweit. Aus einem Sprinter wurde ein Zuhause. Wir ließen Familie, Freund*innen und Routinen hinter uns und stürzten uns ins Abenteuer. 

Zeit zu beichten

Mit einer Sünde ist zwar ursprünglich eine Handlung gemeint, mit der man gegen ein religiöses Gebot verstößt, doch wir haben den Begriff auch in unsere Alltagssprache übernommen. „Es ist eigentlich eine Sünde, Fast Fashion zu kaufen“, aber trotzdem laufen wir glücklich mit vollen Tüten aus Läden, deren Name aus zwei Buchstaben und einem & besteht. Obwohl ich weiß, dass Menschen unter den grauenvollsten Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn mein neues Shirt genäht haben, konnte ich nicht widerstehen. Ich hatte schließlich noch keins in dem Farbton. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen.

Menschen haben seit Anbeginn der Zeit gelogen, betrogen, gestohlen. Doch ich glaube, wir sündigen heute so viel wie nie zuvor.