Anti-Produktivitätswahn

Im ersten Lockdown gingen gefühlt gleichzeitig mit den Corona-Fällen die Anzahl der Motivations-Posts in die Höhe. „Jetzt hast du die Zeit, deine Projekte zu verwirklichen und all das zu tun, was du vorher nie geschafft hast.“ Blabla. Ah okay, das war jetzt das Jahr, in dem ich mich verwirklichen sollte? Schade, hat leider nicht so wirklich funktioniert. Der Roman, den ich seitdem schreiben will, ist noch nicht länger als eine Seite. Der Produktivitätswahn hat bei mir nichts anderes ausgelöst als Druck.

Gute Laune To Stay

Ich hätte nie gedacht, dass es mich so glücklich macht, Menschen an Tischen vor Cafés sitzen zu sehen. Menschen, die sich unterhalten. Menschen, die Kaffeetrinken und dabei ein Buch lesen. Kellner, die geschäftig umherlaufen. Große Eisbecher. Kleine Teller mit überteuerten Speisen. Die normalsten Dinge der Welt. Die sich nach Monaten des Lockdowns noch unwirklich anfühlen, wie ein Traum.

Radikalisiert euch!

Bei diesem Ausruf erscheinen vor meinem inneren Auge steineschmeißende Demonstrant*innen, Bengalos oder gar Salafist*innen mit Sprengstoffgürtel. Doch wenn ich hier von „radikalisieren“ rede, dann meine ich etwas anderes: Radikal kommt von radix aus dem Lateinischen. Das bedeutet Wurzel. Man kann „radikal“ nicht nur mit „rücksichtslos“ , sondern auch „vollständig“ oder „gründlich“ übersetzen. Von diesem Wortursprung ausgehend, ist eine radikale Position also eine, die ein Problem von Grund auf betrachtet. Es von der Wurzel aus angeht. Also erneut: „Radikalisiert euch!“