Zeit zu beichten

Ein Pillow Talk von Paula.

Ich war schon lange nicht mehr in der Kirche. Wirklich lange nicht. Ich bin nicht gläubig, aber ich bin es auch nicht nicht. Wie die meisten Menschen in meinem Umfeld glaube ich an irgendeine Art überirdischer Macht, die all dem hier einen höheren Sinn verleiht. Dabei stelle ich mir allerdings eher eine Energieform vor, statt einen Gott Vater, der Sex vor der Ehe als Sünde erklärt hat. Womit wir beim Thema wären: Sünden. Keine Sorge, ich fange jetzt nicht mit Moses, brennenden Dornenbüschen und in Steintafeln gemeißelten Geboten an.  Mit einer Sünde ist zwar ursprünglich eine Handlung gemeint, mit der man gegen ein religiöses Gebot verstößt, doch wir haben den Begriff auch in unsere Alltagssprache übernommen. „Es ist eigentlich eine Sünde, Fast Fashion zu kaufen“, aber trotzdem laufen wir glücklich mit vollen Tüten aus Läden, deren Name aus zwei Buchstaben und einem & besteht. Obwohl ich weiß, dass Menschen unter den grauenvollsten Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn mein neues Shirt genäht haben, konnte ich nicht widerstehen. Ich hatte schließlich noch keins in dem Farbton. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen.

Menschen haben seit Anbeginn der Zeit gelogen, betrogen, gestohlen. Doch ich glaube, wir sündigen heute so viel wie nie zuvor. Denn wenn man die meterdicke Schicht Kirchenstaub wegdenkt, sind die 10 Gebote vor allem eine Erinnerung an Nächstenliebe und Menschlichkeit. Werte, denen viele sich auch ganz ohne Konfession anschließen. Und doch treffen wir Tag für Tag Entscheidungen, deren Auswirkungen wenig mit Nächstenliebe zu tun haben: Vor Beginn der Pandemie bin ich jedes Jahr mindestens eine Langstrecke geflogen, obwohl ich ganz genau weiß, dass mein Erholungsprogramm auf Kosten von Inselbewohner*innen geht, deren Zuhause in ein paar Jahren wahrscheinlich unter dem Meeresspiegel liegt. „Hoffentlich saufen die Fidschis erst ab, nachdem ich da war!“ Schrecklicher Gedanke – ich weiß. Aber ich würde wetten, dass die meisten von uns manchmal solche Gedanken haben. Manchmal die Konsequenzen des eigenen Handelns ausblenden. Aus Bequemlichkeit das Leid anderer in Kauf nehmen. Und trotzdem keine schlechten Menschen sind. 

Die katholische Kirche war vor vielen Jahrhunderten ziemlich geschickt als sie die Beichte erfunden hat. Anders als bei der Beichte, die ich noch aus der Zeit meiner Erstkommunion kenne, mussten Menschen sich damals noch von ihren Sünden freikaufen. Eine Möglichkeit für Gläubige, sich von ihrem schlechten Gewissen zu befreien und für die Kirche eine sichere Einnahmequelle. Das Prinzip des Freikaufens von Schuld funktioniert heute mindestens genauso gut: Wenn ich bei meinem 600€ Flug nach Costa-Rica 3,50€ zahle, um meinen CO2-Ausstoß zu pseudo-naturalisieren, ist mein Gewissen wieder reiner als das Trinkwasser vieler Millionen Menschen. Für den Planeten ist das gar nicht gut – für unser Wohlbefinden hingegen schon.  Wenn man einmal außenvorlässt, welche Mittel die Kirche verwendet hat, um Menschen zur Beichte zu bewegen und daraus Profit zu schlagen, dann war die Beichte auch ein ziemlich fortschrittliches Mindfulness-Programm. Schuld ist belastend. Sie kann ein ungutes Gefühl im Magen auslösen oder quälende Gedanken darüber, wie man ein besserer Mensch hätte sein können. Je nachdem, wofür wir uns die Schuld zusprechen, können wir sie besser oder schlechter ignorieren. Wir können uns schuldig fühlen, für unsere „gesellschaftlichen“ Sünden oder für unsere kleinen privaten Vergehen.­­­ 

Der Unterschied zu früher ist, dass unser Handeln „dank“ Globalisierung viel weitreichendere Folgen hat. Da wir in einem auf Ausbeutung basierenden System leben, tun wir mit den naheliegendsten Kaufentscheidungen selten etwas Gutes für die Menschheit und den Planeten. Daher die These, wir würden heute so viel sündigen wie nie zuvor. Und möglicherweise macht uns das ständige Streben nach Wachstum und Mehr, auch im Privaten zu größeren Sündern.[1] Wenn wir uns von dieser Schuld nicht freikaufen können, dann tragen wir eine ganz schön große psychische Belastung mit uns rum. Meistens wird es uns gelingen, diese auszublenden. Doch als jemand, der sich viel mit psychischer Gesundheit auseinandersetzt, weiß ich, wie sehr das Unterbewusstsein daran zu knapsen hat. Alle paar Wochen sonntags einem Priester mein ganzes Gewissensleid klagen zu können und dann von aller Schuld freigesprochen zu werden, klingt da plötzlich ziemlich verlockend. Ich müsste ganz schön lange Meditieren, um den gleichen Effekt zu erzielen.

Also, doch wieder in die Kirche gehen? Es mag Menschen geben, für die das der richtige Weg ist. Allerdings mag ein Priester nicht die zeitgemäßeste Wahl sein. Ob in einer Beratungsstelle, in der Menschen ein offenes Ohr geschenkt wird oder bei einer*m guten Freund*in– ich glaube, dass es extrem wichtig ist, über Schuldgefühle zu sprechen. Tun wir das nicht, können wir uns irgendwann selbst nicht mehr im Spiegel angucken. Und dann werden wir immer unzufriedener mit uns selbst oder sogar krank. Würden wir im Alltagsleben häufiger über unsere Gewissensbisse sprechen, würden mit Sicherheit weniger Menschen mit ihrer*m Therapeut*in Schuldgefühle aufarbeiten. Wir tun das so selten, weil über die eigene Schuld zu sprechen nicht leicht ist. Dazu gehört, eigene Schwächen zu erkennen und Fehler zuzugeben. Im Beichtstuhl war das „Beichtfenster“ nicht ohne Grund verdunkelt, so dass der*die Schuldige unsichtbar bleiben konnte. Jemandem in die Augen zu schauen, während man an seinem eigenen Handeln zweifelt, kostet Mut und Überwindung. Vielleicht reicht es auch, seinem Tagebuch zu beichten oder anonym im Internet, eine Plattform für die eigenen Schuldgefühle zu finden. Ab und zu brauchen wir einfach jemanden, der uns sagen kann „Es ist okei. Nun gehe hin in Frieden.“ Jemand, der uns Absolution erteilt, damit wir mit reinem Gewissen weitermachen können. Nach der einzigen Beichte, an die ich mich erinnere, hat der Priester mir gesagt, ich solle drei Vater-Unser beten, dann wäre alles wieder gut. Heute wünsche ich mir auch manchmal, dass mir jemand sagt, wie ich meine Fehler wieder gut machen kann. Wenn überhaupt geht das aber nur, wenn ich über meine Fehler spreche. 


[1] Bzw. Sünder*innen. Christentum und Gendern ist auch vom Sprachklang her, nicht unbedingt vereinbar.

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