Traumberuf Allesarbeiterin

Ein Pillow Talk von Paula.

Als ich etwa neun Jahre alt war, hieß mein Lieblingsspiel „Allesarbeiterinnen“. Die Spielregeln waren einfach: Meine beste Freundin und ich saßen in unserem Büro (mein Kinderschreibtisch) und empfingen Anrufe auf dem alten Schnurtelefon meiner Großmutter. Die Anrufer*innen waren Auftraggeber, die uns zufälligerweise immer genau den Job vorschlugen, zu dem wir gerade Lust hatten. So schrieben wir Artikel für wichtige Zeitungen, organisierten große Events, setzten uns für den Tierschutz ein. Warum für einen Beruf entscheiden, wenn wir alles sein konnten?

Knappe 15 Jahre später fällt mir diese Kindheitserinnerung ein, als ich mich mit Masterstudiengängen auseinandersetze. Die Bachelorarbeit in Psychologie nun endlich abgegeben, stellt sich erneut die große Frage „Was will ich eigentlich werden?“  Darauf habe ich immer noch so viele Antworten, wie damals mit neun Jahren: Ich möchte einen Master in Psychologie machen und auch in einem entsprechenden Beruf enden, gleichzeitig verdiene ich in all meinen Zukunftsvorstellungen auch mit dem Schreiben mein Geld. Entwicklungshelferin in Lateinamerika sein, wäre auch ganz nett und an manchen Tagen verstehe ich nicht, wieso ich mich hier mit allem so stresse und google nach Yoga-Ausbildungen auf Bali. 

Und dann sitze ich an meinem Schreibtisch, der mittlerweile nicht mehr bunt aber immer noch chaotisch ist, wie damals als Allesarbeiterin noch ein legitimer Berufswunsch war. Leider findet mein 23-jähriges Ich keinen entsprechenden Masterstudiengang. Ich suche nach einem Master, der mir zumindest im Psychologie-Bereich alle Optionen offenhält, damit ich mich bloß noch nicht entscheiden muss. Von Menschen über 50 werden derlei Entscheidungsschwierigkeiten meistens als Symptom der „Unverbindlichkeit“ und „Sprunghaftigkeit“ meiner Generation abgetan. Was sie dabei oft vergessen: Dass wir uns suns Unverbindlichkeit und Sprunghaftigkeit nicht aussuchen. Noch bevor ich morgens das Bett verlasse, zeigt Instagram mir einen Post, von dem mir der Satz „Go with your dreams“ entgegenprangt, einen Vice-Artikel über eine sechzig-jährige, die eine zweite Karriere als Astronautin anstrebt und die Erfolgsgeschichte eines Tischlers, der nun mit Crypto Millionen macht.  Warum entscheiden, wenn man alles sein kann? Oder besser gesagt: WIE entscheiden, wenn man alles sein kann? 

Mit Anfang 20 entdeckt man ständig neue Leidenschaften, entwickelt andere Ideale und Träume. In einer Welt, in der scheinbar jeder Traum real werden kann, wenn man ihn nur oft genug visualisiert, ist es kein Wunder, dass ich umgeben bin von Menschen, die nicht wissen, wer sie in 10 Jahren sein wollen. Die Generation unserer Eltern kennt dieses Problem nicht in diesem Ausmaß, weil die Optionen deutlich begrenzter waren. Zwar war die Entscheidung bereits nicht mehr nur zwischen Handwerk, Medizin und Jura zu treffen, wie noch bei unseren Großeltern. Doch gab es einen Rahmen an Möglichkeiten. Dieser Rahmen besteht spätestens nicht mehr, seit sich aus jeder Idee eine Website und ein hochpreisiges Coaching basteln lassen, wovon „Wie ich Millionär geworden bin“-Dirk und „Finde dein Chakra“-Ute dann besser oder schlechter leben können. 

Ob diese Entwicklung gesund ist, möchte ich hier nicht beurteilen. Was ich aber für gesund halte bei mehr als 20.000 Studiengängen allein in Deutschland, etlichen Online-Selbstverwirklichungs-Angeboten und der Freiheit, von überall auf der Welt zu arbeiten: Seinen eigenen Weg zu hinterfragen. Umwege zu gehen. Nach anderen Straßen Ausschau zu halten, Abzweigungen zu nehmen. Die Zeit von geraden Lebenswegen ist lange vorbei. Theoretisch kann ich heute für den Spiegel schreiben, morgen meine Website als selbstständige Eventplanerin launchen und übermorgen bei PETA wegen meines abwechslungsreichen Lebenslaufs zum Bewerbungsgespräch eingeladen werden – und damit mehr Geld verdienen als eine voll ausgebildete Psychologin. Praktisch ist das etwas schwieriger, aber in dieser Welt voller Möglichkeiten kann ich wenigstens davon träumen, indem ich mit Anfang 20 noch nicht meinen gesamten Lebensweg in Stein meißele.

Diese Erkenntnis hat mir noch nicht geholfen, mich für einen Masterstudiengang zu entscheiden. Aber sie hat die Entscheidung für mich entspannter gemacht: Egal für welchen Studiengang ich mich entscheide, danach werden mir wieder mehr Möglichkeiten offenstehen, als ich überhaupt in Erwägung ziehen kann. Und egal für welchen Job ich mich dann bewerbe – mit 60 Jahren werde ich immer noch alles hinschmeißen und entscheiden können, Astronautin zu werden. Vor diesem Hintergrund scheint „Allesarbeiterin“ als Zukunftsentwurf gar nicht mehr so absurd… 

Mir ist wichtig zu erwähnen, dass der Überdruss an Möglichkeiten ein Luxusproblem ist, da vor allem marginalisierten Gruppen aufgrund von Behinderungen, Migrationshintergrund, Geschlechtsidentität, etc. von vornherein der Zugang zu vielen, vielen Angeboten verwehrt ist. Gleiche Chancen für alle zu schaffen, ist ein Problem einer ganz anderen Dimension, das gesellschaftlich viel weitreichender ist als ein paar privilegierte Kids, die sich nicht entscheiden können, ob sie die Kanzlei von Daddy übernehmen oder ein eigenes Business gründen wollen. Ganz so trivial ist das Thema allerdings doch nicht, da ein erfüllender Beruf, Menschen das Gefühl von Selbstwirksamkeit gibt. Und Selbstwirksamkeit ist ein essenzieller Faktor für unsere psychische Gesundheit.

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